04.12.2020 | Ernährung

Mythos „Immer mehr dicke Kinder“: Übergewichtspandemie in Deutschland?

Lebensmittelmythen aufgeklärt
Allerorten heißt es von Politikern, Journalisten und Verbraucherschützern, es gebe hierzulande immer mehr übergewichtige Kinder und Jugendliche... Was ist dran?

Unwahrheiten werden durch permanente Wiederholungen nicht richtiger. Aber mit der Zeit bleibt leider meistens etwas hängen und setzt sich im Unterbewusstsein fest: „Da war doch was“. So ist es auch bei diesem Mythos, wonach es immer mehr dicke Kinder in Deutschland gäbe. Denn regelmäßig heißt es von Politikern, Journalisten und Verbraucherschützern, die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendliche nehme immer weiter zu.

Doch das ist nicht wahr! Dieser Mythos ist schnell entzaubert, denn die Fakten sind für jede:n leicht zu überprüfen: Es gibt eine Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, in der auch Übergewicht über einen langen Zeitraum untersucht wird: Die KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI). Darüber hinaus liegen aus den einzelnen Bundesländern auch Daten aus den laufenden Einschulungsuntersuchungen vor.

Übergewicht und Adipositas stagnieren seit Jahren


Aus der KIGGS-Studie geht hervor, dass im Vergleich zur KiGGS-Basiserhebung (2003–2006) insgesamt und in allen Altersgruppen kein weiterer Anstieg der Übergewichts- und Adipositas zu beobachten ist. Demnach sind rund 15% der Kinder und Jugendlichen von 3 bis 17 Jahren übergewichtig, knapp 6% sind adipös. Die Auswertungen der Einschuluntersuchungen (2008-2013) bestätigen zudem den in den meisten Bundesländern festgestellten Trend stagnierender bzw. leicht rückläufiger Zahlen für Übergewicht bzw. Adipositas bei Einschulkindern. Je nach Bundesland liegt der Anteil übergewichtiger Einschulkinder demnach zwischen 8,2 % und 12,0 %. Davon sind zwischen 2,8 % und 5,3 % der Kinder adipös.

Damit sind die aktuellen Übergewichtszahlen nicht zu verharmlosen. Dramatisierung oder gar Panikmache sind aber ebenso unangebracht und mit Blick auf die Datenlage auch nicht gerechtfertigt. Es ist und bleibt wichtig, der Übergewichtsentwicklung vorzubeugen. Hierzu ist es in erster Linie entscheidend, von Kindesbeinen an einen ausgewogenen Lebensstil zu erlernen.

Aufklärung über ausgewogene Ernährung und verstärkte Anleitung zum Kochen sollten an den Schulen einen höheren Stellenwert erhalten, denn Bildung ist ein entscheidender Faktor für eine gesunde Lebensführung. Informationen, wie sie Lebensmittelhersteller mit den Kalorien- und Nährwertangaben auf den Verpackungen liefern, sowie das vielfältige Lebensmittelangebot mit innovativen Rezepturen, tragen zu einer abwechslungsreichen Ernährung bei. Die Lebensmittelwirtschaft wird so ihrer Verantwortung gerecht und setzt weiter auf Angebotsvielfalt, transparente Informationen und Wahlfreiheit. Dies umfasst auch die Weiterentwicklung der Rezepturen sowie die stetige Fortentwicklung der Produktzusammensetzung z. B. mit Blick auf den Salz-, Fett-, Zucker- und/oder Energiegehalt.

Im Rahmen der Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie (NRI) haben inzwischen neun Verbände der Lebensmittelwirtschaft freiwillige Selbstverpflichtungen hinsichtlich der Reduktion von Zucker, Salz oder Energie getroffen. Die ersten Ergebnisse der NRI zeigen eindeutig, dass sich die Branchen hier auf einem guten Weg befinden.

Abhilfe schafft vor allem: mehr Bewegung


In der KiGGS-Studie wird aber auch angeregt, an einigen Stellschrauben wie etwa dem Thema Bewegung verstärkt zu arbeiten. Nur jedes vierte Kind erreicht laut KIGGS die Empfehlungen von 60 Minuten körperlicher Aktivität am Tag. Dass sich der Bewegungsmangel negativ auf die Gewichtsentwicklung auswirken kann, ist eindeutig belegt. Mehr Kalorien aufzunehmen als zu verbrauchen setzt an. Die Politik ist deshalb aufgefordert, der Bewegungsbequemlichkeit entgegenzuwirken, durch regelmäßig angebotenen Sportunterricht, durch Unterstützung der Sportvereine, Erleichterung des Zugangs zu Schwimmbädern und Schaffung von Bewegungsräumen in Großstädten.

Der Lebensmittelverband engagiert sich deshalb unter anderem in der Plattform Ernährung und Bewegung (peb), die sich mit ihren Projekten für eine ausgewogene Ernährung sowie regelmäßige und ausreichende Bewegung als wesentliche Bestandteile eines gesundheitsförderlichen Lebensstils bei Kindern und Jugendlichen einsetzt.

Statt staatlichen, konsumlenkenden Ernährungsmaßnahmen, brauchen wir zwingend eine Strategie zur Bewegungsförderung. Der Feind der Kindesgesundheit ist die „sitzende Gesellschaft“ und nicht der Schoko-Hase zu Ostern.
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