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Wissenschaftliche Daten zu Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen

Übergewicht: Ernährung ist nicht Hauptursache


Übergewicht wird weltweit zum wachsenden Problem für die Gesellschaft. Erklärungsansätze verweisen häufig auf "naheliegende" Ursachen, die sich wissenschaftlich allerdings nicht bestätigen lassen. Forschungsergebnisse belegen, dass die Gründe des Übergewichts nicht im Verzehr "falscher" Nahrungsmittel liegen, sie sind in hohem Maße komplex. Entscheidend ist der Lebensstil, nicht das Lebensmittelangebot.

Übergewicht als Folge bewegungsarmer Freizeitgestaltung



  • Fast jeder zweite Erwachsene in Deutschland treibt in seiner Freizeit keinen Sport: 43,8 % der Männer und 49,5% der Frauen in der Gesamt-bevölkerung (Mensink 1999). 57 % der Deutschen meinen außerdem nicht, dass sie mehr körperliche Aktivität brauchen (Mensink 1999).
  • Der "Erste Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht" stellt einen deutlichen Rückgang der körperlichen und motorischen Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen gegenüber Gleichaltrigen vor 25 Jahren fest, um durchschnittlich mehr als 10% (Schmidt et al. 2003).
  • 1996 war die Leistungsfähigkeit in den verschiedenen motorischen Di-mensionen bei 10-Jährigen um ca. 10 bis 20 % schlechter als 20 Jahre zuvor (Bös 2004).
  • Von Januar 2001 bis Dezember 2002 ist die körperliche Fitness von Kindern und Jugendlichen in verschiedenen deutschen Bundesländern zurückgegangen. Am schlechtesten ausgebildet war die Ausdauerleistungsfähigkeit. Bei allen Tests schnitten diejenigen Kinder und Jugendlichen besser ab, die drei oder mehr Stunden Sportunterricht in der Schule hatten (Klaes et al. 2003).
  • Ein Viertel der Kinder spielt einmal oder weniger pro Woche im Freien (Hebebrand et al. 2005).
  • Ein Grundschulkind liegt durchschnittlich 9 h/Tag, sitzt 9 h/Tag, steht 5 h/Tag und bewegt sich nur 1 h/Tag (Bös 2004).
  • Vorschulkinder in Bayern, die elektronische Medien stark (bis zwei Stunden am Tag) oder sehr stark (mehr als zwei Stunden am Tag) nutzen, haben ein 40 bzw. 70 % höheres Risiko für Übergewicht als Kin-der, die selten bis nie elektronische Medien (z. B. Fernsehen und Computerspiele) konsumieren (Kalies et al. 2001).
  • Übergewichtige Kinder in Deutschland verbringen mehr als zwei Stunden täglich vor dem Fernseher, nicht übergewichtige circa. 1,5 Stunden (Ernährungsbericht 2000).
  • Eine repräsentative Studie über 7–11-Jährige Kinder in Kanada bestätigt, dass körperliche Aktivität vor Übergewicht schützt, während Fernsehkonsum und Computer-Spiele mit Übergewicht in Verbindung stehen. Die Ergebnisse rechtfertigen des Weiteren die Annahme, dass der Nutzen von sog. „unorganisiertem“ Sport und körperlicher Aktvität mit dem Alter ansteigt und dass dieser sogar wichtiger scheint als die Teilnahme an sog. „organisiertem“ Sport. (Tremblay et al. 2003).

Übergewicht: Keine Frage einzelner Lebensmittel



  • Die Deutschen wissen über die Grundsätze einer gesunden Ernährung im Großen und Ganzen Bescheid, wie eine Studie des Institute of Euro-pean Food Studies gezeigt hat (Margetts et al. 1997).
  • Die Kieler Adipositas Präventionsstudie belegt, dass sich normal- und übergewichtige Kinder kaum in ihren Ernährungsgewohnheiten unterscheiden: Das Vorkommen von Übergewicht ist bei Kindern und Jugendlichen, die täglich Chips und Süßigkeiten essen, im Vergleich zu denen, die das nicht oder selten tun, nicht unterschiedlich. Die Lebensmittelauswahl hat keinen Einfluss auf Übergewicht bei Kindern: 13,3 % der Kinder mit einem "guten" und 15,7 % mit einem "schlechten" Ernährungsmuster sind übergewichtig. Dieser Unterschied ist statistisch nicht signifikant (Müller 2003).
  • Die bei 6.862 bayerischen Kindern (5 und 6 Jahre) erhobene Verzehrshäufigkeit von Schokolade, gesüßten Getränken, Kuchen sowie Chips, Erdnüssen und Keksen unterscheidet sich bei normal- und übergewichtigen Kindern nicht. (Koletzko et al. 2004).
  • Eine Auswertung der Daten der HBSC Studie, die 34 Ländern durchgeführt wurde, zeigt einen statistisch bedeutsamen Zusammenhang von Inaktivität und Übergewicht in 29 der untersuchten Ländern. In 22 der 34 Länder war der TV-Konsum bei übergewichtigen Jugendlichen höher als bei den normalgewichtigen. Des Weiteren wurde gezeigt, dass in 31 der 34 Länder ein hoher Verzehr von Süßigkeiten mit einer geringen Wahrscheinlichkeit für Übergewicht einhergeht (Janssen et al. 2005).

Übergewicht aufgrund sozio-ökonomischer Einflüsse


Kinder aus sozial schwachen Familien sind häufiger übergewichtig als Kinder aus besser gestellten Familien. So ist das Vorkommen von Übergewicht bei Kindern von Eltern mit Hauptschulabschluss dreifach höher als bei Kindern von Eltern mit Abitur. In sozial schwachen Familien ist zudem der Fernsehkonsum höher und die Kinder bewegen sich weniger. Schließlich sind Kinder übergewichtiger Eltern häufiger übergewichtig als Kinder von normalgewichtigen Eltern (Langnäse et al, 2002).

Übergewicht unabhängig von Werbung


Kinder mit guter Werbeerkennung essen nicht mehr stark beworbene Produkte als Kinder mit schlechter Werbeerkennung. Das Essverhalten von Freunden sowie die Präsentation von Produkten im Laden könnten also eine stärkere Wirkung auf die Lebensmittelauswahl haben als das Werbefernsehen (Pudel, 2000).


Quellen



Bös K (2004): Motorische Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen. EU 51(9): 352-7.

Hebebrand J, Bös K (2005): Umgebungsfaktoren – Körperliche Aktivität. In: Wabitsch M, Hebebrand J, Kiess W (Hrsg.), Zwiauer K (2005): Adipositas bei Kindern und Jugendli-chen. Berlin, Heidelberg: Springer. 50-60.

Janssen I, Katzmarzyk PT, Boyce WF, Vereecken C, Mulvihill C, Roberts C, Currie C, Picket W (2005): Comparison of overweight and obesity prevalence in school-aged youth from 34 countries and their relationships with physical activity and dietary patterns. Obes Rev. 6(2): 123-32.

Kalies H, Koletzko B, von Kries R (2001): Übergewicht bei Vorschulkindern - der Einfluss von Fernseh- und Computerspielgewohnheiten. Kinderärztliche Praxis Nr. 4:227-234.

Klaes L, Cosler D, Rommel A, Zens YCK (2003): Dritter Bericht zum Bewegungsstatus von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des Bewegungs-Check-Up im Rah-men der Gemeinschaftsaktion von AOK, DSB und WIAD "Fit macht Schule".

Koletzko B, de la Guéronnière V, Toschke AM, von Kries R (2004): Nutrition in children and adolescents in Europe: what ist the scientific basis? Introduction. BJN. 92 (Suppl. 2): S 67-73.

Müller MJ (2003): Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen - Ursachen und Möglichkei-ten der Prävention. Kieler Adipositas-Studie. In: BLL (2003): In Sachen Lebensmittel. Jahrestagung 2003. Ansprachen und Vorträge: 38-64.

Margetts BM, Martinez JA, Saba A, Holm L, Kearny MJ (1997): Definitions of 'Healthy' Eating: A Pan-EU Survey of Consumer Attitudes to Food, Nutrition and Health. European Journal of Clinical Nutrition, 57(Suppl. 2):23-29.

Mensink GBM (1999): Körperliche Aktivität. Gesundheitswesen. 61(Sonderheft 2):S 126-31.

Mensink GBM (1999): Bundes-Gesundheitssurvey: Körperliche Aktivität. Beiträge zur Ge-sundheitsberichterstattung des Bundes. Robert-Koch-Institut (Hrsg.).

Pudel V: Essverhalten und Ernährung von Kindern und Jugendlichen - eine Repräsenta-tiverhebung in Deutschland. In: Ernährungsbericht 2000, Hrsg. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V., Frankfurt.

Schmidt W, Hartmann-Tews I, Brettschneider W-D (Hrsg.): Erster Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht. Karl Hofmann Verlag. Schorndorf (2003).

Tremblay MS und Willms JD (2003): Is the Canadian childhood obesity epidemic related to physical inactivity? International Journal of Obesity 27:1100-1105.



Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. (BLL)
Der BLL ist der Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft. Ihm gehören Verbände und Unternehmen der gesamten Lebensmittelkette –– Industrie, Handel, Handwerk, Landwirtschaft und angrenzende Gebiete –– an.
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