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Geschichte

1901–1955: Vom Nürnberger Bund zum BLL

Die Vorgeschichte
Anfang 1955 luden 64 Persönlichkeiten aus Lebensmittelindustrie, -handwerk und -handel zur Gründung „eines Bundes für Lebensmittelkunde und Lebensmittelrecht (Nürnberger Bund)“ ins Grand-Hotel Fürstenhof nach Nürnberg ein.

Diese hatten laut Einladungsschreiben „in enger Fühlungnahme mit Organisationen und Persönlichkeiten der Ernährungswirtschaft die organisatorischen Vorbereitungen zur Neugründung übernommen“. Man wollte wieder eine Organisation ins Leben rufen, die an die Arbeiten des 1901 gegründeten „Bundes Deutscher Lebensmittel-Fabrikanten und -Händler für Lebensmittelkunde und Lebensmittelrecht e. V.“ – Nürnberger Bund genannt – anknüpfen und sich mit den beiden für die Wirtschaft relevanten Themenfeldern befassen sollte. Konzipiert war die Gründung des späteren „Bunds für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL)“ als Wiedergründung des „Nürnberger Bundes“. Dieser hatte Lebensmittelwirtschaft, -wissenschaft und -recht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgestaltet.

Der Nürnberger Lebensmittelbund


Das Ende des 19. Jahrhunderts war geprägt von der Industrialisierung, die auch im deutschen Lebensmittelmarkt starke technische und wirtschaftliche Veränderungen mit sich brachte. Die daraus resultierenden Konflikte und eine zunehmende Rechtsunsicherheit führten auf der Schwelle zum neuen Jahrhundert zur Gründung des Verbands Bund Deutscher Nahrungsmittel-Fabrikanten und -Händler e.  V. Der später kurz „Nürnberger Bund“ genannte Dachverband hatte die Aufgabe die Interessen der zu dieser Zeit stark zersplitterten Lebensmittelindustrie und des Lebensmittelhandels zu wahren und stärken. Zur Gründungsversammlung kamen am 19. Mai 1901 25 Vertreter aus Industrie und Handel im Frankfurter Hof in Frankfurt am Main zusammen. Als erster Geschäftsführer wurde der Lebensmittelchemiker Dr. Robert Kayser bestellt, der die Gründung gemeinsam mit Otto Pfaeffle und August Ertheiler angeregt hatte. Am 1. Januar 1905 gehörten dem Nürnberger Bund bereits 432 Unternehmen und Einzelmitglieder sowie 30 Verbände an (1).



Bereits auf der zweiten Mitgliederversammlung am 7. Dezember 1902 in Frankfurt am Main wurde die Herausgabe eines gemeinsamen Regelwerks für die Branche beschlossen. Die Zentralstelle des Nürnberger Bundes und die einzelnen betroffenen Gruppen der Lebensmittelwirtschaft berieten sich im Verlaufe des Jahres 1904 und in den ersten Monaten des Jahres 1905 in 24 Versammlungen und erarbeiteten Vorschläge. Diese verschickte sie an Handels- und Landwirtschaftskammern, Untersuchungsinstitutionen und Lebensmittelchemie-Verbände mit der Bitte um gemeinsame Beratung. Die letzte Beratung fand am 10. April 1905 in Nürnberg statt – der Beratungsgegenstand: Bier. Als Ergebnis der Beratungen erschien im Herbst 1905 bei Carl Winter in Heidelberg das Deutsche Nahrungsmittelbuch. Es enthielt Begriffsbestimmungen und Regeln für die Beschaffenheit, Bezeichnung und Deklaration von Lebensmitteln sowie eine Zusammenstellung der die Lebensmittelwirtschaft betreffenden Gesetze und Verordnungen. Im Jahr 1909 erschien eine zweite aktualisierte Auflage. Eine dritte, von Dr. Valentin Gerlach bearbeitete Ausgabe folgte im Jahr 1922 unter den veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen nach dem ersten Weltkrieg.

Neben der Mitarbeit an der Ausgestaltung des Lebensmittelrechts beteiligte sich der Nürnberger Bund an der Diskussion um die Gestaltung der amtlichen Lebensmittelkontrolle.

Neuorganisation und Auflösung


Im Jahr 1934 erkannte der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft die „Wirtschaftsgruppe Lebensmittelindustrie“ innerhalb der Reichsgruppe Industrie als alleinige Vertretung ihres Wirtschaftszweigs an. Deren Fachgruppen und Fachuntergruppen traten anstelle der freien Verbände. Der Nürnberger Bund wurde als neutraler „Zweckverband“ für rechtliche und wissenschaftliche Fragen angesehen und durfte weiter bestehen (2), verlor aber seine wirtschaftspolitische Funktion. Mit Fokus auf sein Aufgabengebiet wurde der Verband mit einer am 2. Dezember 1936 beschlossenen Satzungsänderung in Bund Deutscher Lebensmittel-Fabrikanten und -Händler für Lebensmittelkunde und Lebensmittelrecht e. V. umbenannt.

1936 erhielten Verbandszeitschrift und Verband einen neuen Namen: Die Deutsche Lebensmittel-Rundschau gab der Nürnberger Bund 1936–1944 gemeinsam mit der Wirtschaftsgruppe Lebensmittelindustrie heraus. Vergrößern


Im Jahr 1945 erfolgte die Auflösung des Verbandes. Zuletzt gehörten dem Nürnberger Bund 275 Unternehmen und Personen der Lebensmittelindustrie und des Lebensmittelhandels – darunter 38 Brauereien –, sechs Handelskammern, neun Wirtschaftsfachgruppen und Reichsinnungsverbände sowie zehn Chemielabore und Chemiker an (3).

Wiedergründung 1955: Der BLL


Im Februar 1955 lud der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, Dr. Heinicke, zur Generalversammlung für eine Neu- bzw. Wiedergründung des Nürnberger Bundes ein. Die Gründungsversammlung des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V. kam am 10. März 1955 im Grand-Hotel u. Fürstenhof Nürnberg zusammen. In der ersten Version der Satzung trägt der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde noch die Abkürzung „Nürnberger Bund“. Diese beanspruchte jedoch eine andere Organisation für sich. Aus Gründen der Traditionsanknüpfung wurde zunächst als Sitz Nürnberg bestimmt. Zum ersten Präsidenten wurde Dr. Walter Kraak (Dr. August Oetker GmbH) gewählt.

Mehr zur weiteren Geschichte nach der Neugründung gibt es in unseren Artikeln unter Verband/Historie.


Quellen
(1) Deutsche Nahrungsmittel-Rundschau 1905, Nr. 6
(2) Deutsche Lebensmittel-Rundschau 1936, Nr. 4
(3) Mitgliederliste vom 1. Januar 1945
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