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Geschichte

Komplexitätsreduktion – to make a long story short

Prof. Dr. Alfred Hagen Meyer, meyer.rechtsanwälte Partnerschaft mbB
Bei Lebensmittelkrisen läuft die moderne Gesellschaft chronisch Multimorbider redundant Gefahr, sich in der Skandalisierung zu erschöpfen. Für die Süddeutsche Zeitung (SZ) war Schuld an der mühsamen Spurensuche nach EHEC der Mangel an Transparenz bei den Lebensmittelunternehmen und eine immer komplexere Nahrungsmittelkette (SZ 2011/Nr. 132, S. 25 - „Gefahr auf dem Teller“). Lösung der SZ – es sträuben sich einem die Nackenhaare: die Ampelkennzeichnung.

In unserer modernen Medienwelt können Krisen nicht ausgesessen werden. Krisenbewältigung erfolgt in aufgeheizter Stimmung aber leider nicht durch Erklärung von Lebensvorgängen, sondern nicht selten durch (Schein-) Aktionen. Typisch in dieser Hinsicht das politische Agieren vor dem Hintergrund der Ereignisse um nitrofenbelastetes Getreide. Nachdem im April 2002 die ersten Fälle von mit Nitrofen verseuchtem Geflügelfleisch bekannt wurden, galt das Vertrauen der Bürger in die ökologische Landwirtschaft als erschüttert. Im Juni 2002 wurde eine Lagerhalle eines Unternehmens in Malchin als Ort der Kontamination von Futtermittel durch Nitrofen ausgemacht. Obwohl letztlich lediglich ein individueller Fehler, nutzte das seinerzeit zuständige Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL) den Umstand politisch wirksam für einen Akt symbolischer Gesetzgebung (VO 17.6.2002, BAnz. Nr. 111, S. 13449). Für eine Absenkung des im Rahmen der damaligen Rückstandshöchstmengen-Verordnung festgelegten Grenzwertes von 0,01 mg/kg Nitrofen für Lebensmittel allgemein gab es laut dem seinerzeit zuständigen Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin jedoch keine wissenschaftliche Rechtfertigung.

Im Dioxin-Fall Ende 2010 handelte ein Futtermittelunternehmer „in völlig unverantwortlicher, skrupelloser Weise“, wie Ministerin Aigner dies in seiner Dramatik angemessen zugespitzt formulierte. Deviantes Verhalten kann allerdings von einer noch so fein justierten risikobasierten Kontrolle schwerlich erfasst werden. Die Dioxin-Krise 2010 hatte einen punktuellen Auslöser, kann aber nicht ein (Qualitäts-Management-) System der Lebensmittelherstellung in Frage stellen.

Dem öffentlichen Diskurs um Lösungen aus der Krise, etwa welche (Vorsorge-) Maßnahmen zu treffen sind, ist insbesondere eine Fehlerquelle eigen: die Verfügbarkeitsheuristik, vor allem dann, wenn komplexe Lebenssachverhalte nicht umrissen werden. Durch diese kann der verzerrte Eindruck entstehen, dass es von nachhaltiger Dringlichkeit sei, (immer mehr) Vorsorgemaßnahmen gegen (oft schwerlich bestimmbare) Risiken zu ergreifen. Wir dürfen auch in Krisen nicht zur Geisel einer fiktionalen Scheinrealität werden, welche von Pseudoereignissen erzeugt wird. Breaking Bad News, das Überbringen schlechter Nachrichten ist die Aufgabe, der sich Wissensmittler wie der BLL mehr denn je stellen müssen. Das Zauberwort heißt dabei „Komplexitätsreduktion“ – to make a long story short; differenzierend kann die Betrachtung sein, aber kurz & prägnant rüber gebracht. Schwierig in Zeiten, in denen sich Bad News in Kurzformeln erschöpfen, gerne geübt von NGOs, gleichwohl machbar. Der BLL stellt sich dem bestens.
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