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20.04.2015 | Geschichte

Der BLL und die Geschichte des Themas Ernährung zwischen Wissenschaft, Politik und Weltanschauung

Ein Rückblick zum 60-Jahr-Jubiläum 2015
Beim Thema Ernährung musste sich der BLL mit vielen Aspekten auseinandersetzen, die weder naturwissenschaftlich noch rechtlich „fassbar“ sind, da sowohl das individuelle Ernährungsverhalten als auch die Ernährungsmuster einer Gesellschaft von vielen Faktoren abhängen.

Basis ist – ohne dass man sich ständig dieser Tatsache bewusst ist – die ausreichende und in ihrer Zusammensetzung angemessene Nährstoffzufuhr, die uns „am Leben hält“. Darüber hinaus sind von Bedeutung: Genuss, Gewohnheit, traditionelle Überlieferung, Erziehung, sozialer Hintergrund („Schicht“), Lebensstil, Arbeitswelt, Weltanschauung, Zugehörigkeit zu Glaubensgemeinschaften, Ethik, Umweltbewusstsein, Tierschutz, Ideologie etc.

Entsprechend groß ist das „Angebot“ an Lehren, Philosophien, Ratgebern, Lebenshilfen, aber auch an Scharlatanerien.

Viele Meinungen – wenig Sicherheit


Fragen der Ernährung haben einen besonders hohen medialen und politischen Stellenwert und entsprechend groß ist der Reiz, auf das Ernährungsverhalten einwirken zu wollen. Dabei wird nicht selten verkannt, dass richtige bzw. falsche Ernährung keine monokausalen Ursachen haben, dass vielmehr eine Vielzahl von Faktoren als Teil eines insgesamt zu bewertenden Lebensstils eine Rolle spielt. Nicht selten werden an einzelnen Produktgruppen (z. B. Fleischerzeugnisse, Süßwaren) oder einzelnen Lebensmitteln (herausragendes Beispiel ist der Zucker) Gefahren festgemacht oder auch ganze Ideologien entwickelt.

Ein nicht zu unterschätzender Unsicherheitsfaktor in der Diskussion um „Ernährung“ ist die Tatsache, dass Erkenntnisse der Wissenschaft selten „in Stein gemeißelt“ sind, dass sie vielmehr oftmals Änderungen unterliegen. Es gibt nur wenige unangefochtene, wissenschaftliche Aussagen, auf die sich Verbraucher, Politik und auch die Wirtschaft verlassen können.

Der BLL und „Ernährung“


Der BLL war von Beginn an mit „Ernährung“ befasst, zunächst eher sporadisch und punktuell, bevor sich dieses Thema seit Beginn des neuen Jahrtausends zu einem weiteren Schwerpunkt seiner Tätigkeit entwickelt hat. Dabei sah er seine Aufgabe stets darin, zum einen die Entwicklungen in der Ernährungswissenschaft zu beobachten und die Ergebnisse seinen Mitgliedern nahe zu bringen. Zum anderen war er „aktiv“ gefordert, wenn die Ernährungspolitik zu gesetzlichen Regelungen führte.

Wie ernst der BLL das Thema nahm, zeigt auch der Umstand, dass Ende der 1970er Jahre der Hauptgeschäftsführer des BLL, Dr. Hein, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung war. Aber schon Mitte der 1980er Jahre war es damit vorbei und man achtete zunehmend auf eine Trennung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Keine Einteilung in „gute“ und „schlechte“ Lebensmittel


Aus der breiten Palette der Ernährung bildeten über die Jahrzehnte das „Übergewicht“ den wesentlichen thematischem Schwerpunkt. In der 143. Kuratoriumssitzung vom 3. Mai 2000 wurde die Kritik gegenüber europäischen Ernährungsrichtlinien zum Ausdruck gebracht, ebenso wie „gegen mögliche Eingriffe in den Markt (z.B. Werbeverbote, Steuern).“ Weiter heißt es „Die Lebensmittelwirtschaft kann eine wissenschaftlich nicht gerechtfertigte Einordnung von Lebensmitteln von ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ nicht zulassen“.

Diese Grundsatzfrage ist noch heute relevant, denn eine Einteilung in ‚gut‘ und ‚schlecht‘, auf das Lebensmittel und nicht auf das Ernährungsverhalten im Rahmen eines individuellen Lebensstils bezogen, ist ungerechtfertigter Weise simplifizierend und damit wissenschaftlich nicht haltbar. Dieser Grundsatz bildet seit jeher den Kern der BLL-Politik in Sachen „Ernährung“.

Schwerpunkt Übergewicht


Mit Beginn des neuen Jahrtausends trat die Diskussion um das wachsende Übergewicht insbesondere aber nicht nur bei Kindern und Jugendlichen in den Vordergrund der gesellschaftlichen und politischen Diskussion. Gebetsmühlenartig wurde der Lebensmittelwirtschaft zu Beginn der Diskussion aus der Politik, von NGOs und von den Medien die Rolle des Hauptverursachers (zu fett, zu salzig, zu süß, verführende Werbung, etc.) zugeschoben. Dabei wurde schlichtweg die Tatsache geleugnet, dass Übergewicht multifaktoriell bedingt ist, dass eine ganz wesentliche Rolle der soziale Hintergrund, die familiären Umstände, die Erziehung, die Bewegungsarmut spielen.

Die Lebensmittelwirtschaft hat sich stets ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gestellt, und trägt auf vielfältige Weise zur Eindämmung und zur Lösung des Problems bei. In der Erkenntnis, dass nicht das individuelle Produkt „schuld“ ist, dass vielmehr viele Gründe und Aspekte eine Rolle spielen, unterstützen Unternehmen die verschiedensten Initiativen, sei es im erzieherischen oder auch sportlichen Bereich, sei es in der Erlernung des kritischen Umgangs mit der Werbung, sei es aber auch in der Optimierung der Produktinformation. Der BLL hat diese „Anstrengung“ der Lebensmittelwirtschaft dokumentiert.

Die Gründung von peb


Als sich die Angriffe auf die Lebensmittelwirtschaft verdichteten, einhergehend mit Forderungen nach Eingriffen in die Herstellungs- und Vermarktungsfreiheit von Lebensmitteln ergriff der BLL zusammen mit der damaligen Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft die Initiative zur Gründung einer gesamtgesellschaftlichen Plattform, um die Problematik „Übergewicht“ grundsätzlich und unter Einbeziehung aller relevanten kausalen Faktoren anzugehen. Daraus entstand „peb“ – Plattform Ernährung und Bewegung e.V..

Sie wurde unter vorher nie erreichter gesellschaftlicher, politischer und medialer Aufmerksamkeit im Herbst 2004 in Berlin gegründet. Das Gründungsprogramm war überschrieben mit „Im Gleichgewicht - für ein gesundes Leben (Ernährung und Bewegung - eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft)“. Gründungsmitglieder waren neben dem Bundesministerium als Vertreter der Bundesrepublik Deutschland, der BLL, der Bundeselternrat, die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, der Deutsche Sportbund, die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten sowie die Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen. Zweck des Vereins ist die „Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege, der Verbraucherberatung und des Verbraucherschutzes mit dem Ziel, zu einem gesunden Lebensstil beizutragen und insbesondere dem Anstieg von Übergewicht vor allem bei Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken…“.

Trotz aller Skepsis oder gar Anfeindungen hat sich peb als einzige, breit angelegte Plattform bewährt, viele wirksame Projekte entwickelt und durchgeführt und darüber hinaus vor allem auch zu einer Diskurs-Kultur beigetragen, die – anders als in anderen Ländern – durch das Bemühen um ein Miteinander anstatt feindseliger Konfrontation geprägt ist.

Kluger Konsum?


Nichtsdestotrotz gibt es in Deutschland wie auch auf europäischer und weltweiter Ebene immer wieder Versuche, die Problematik „Übergewicht“ regulativ anzugehen. Die Vorschläge sind letztlich immer die gleichen: Werbebeschränkungen für bestimmte Lebensmittel insbesondere gegenüber Kindern, Steuern auf bestimmte Lebensmittel mit hohem Fett- bzw. Zuckergehalt, Reduktion von Salz, Fett und Zucker in Fertigprodukten, kleinere Verpackungsgrößen, Lebensmittelampel, quengelfreie Kassen in Supermärkten. Dies alles sind Vorschläge, die im Hinblick auf ihre Eignung, ihre Notwendigkeit und ihre Verhältnismäßigkeit zur Erreichung des allgemein unstrittigen Zieles nicht gesichert sind. Zugleich negiert diese Politik die eigentlichen Ursachen der gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Fehlentwicklung „Übergewicht“, ebenso wie die Eigenverantwortung eines Jeden. Der Staat (national, EU und WHO) maßt sich an, den Konsum des Verbrauchers durch Einschränkung bzw. Reglementierung des Angebots in eine bestimmte, aus seiner Sicht „kluge, Richtung zu lenken.

Freiwillige Nährwertkennzeichnung


Die Lebensmittelwirtschaft hat auf diese Entwicklung in verschiedener Weise reagiert. Sie hat schon lange vor Verabschiedung der neuen europäischen Lebensmittelinformations-Verordnung freiwillig im großen Umfang ihre Produkte mit Nährwertkennzeichnung versehen; eine vom BLL im Auftrag gegebene Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung hat bereits 2007 insoweit eine fast 80-prozentige Abdeckung zum Ergebnis gehabt. Eine Reihe internationaler Unternehmen hat sich in einem sogenannten „EU-pledge“ verpflichtet, die Werbung gegenüber Kindern bis zu einem bestimmten Alter zu unterlassen bzw. einzuschränken. Zunehmend haben sich wiederum in erster Linie international ausgerichtete Unternehmen an die Reformulierung ihrer Produktpalette „gemacht“, wobei die Verringerung des Gehaltes an Salz, Zucker und Fett im Vordergrund steht.

Das Thema „Ernährung“ wird die Lebensmittelwirtschaft, und damit den BLL, auch weiterhin und wahrscheinlich im zunehmenden Maße beschäftigen. Ganz zu Recht hat dies unter gesundheitspolitischen Erwägungen einen hohen Stellenwert, betrifft es doch das individuelle Wohlbefinden und die individuelle Gesundheit jedes Einzelnen und kann darüber hinaus eine mehr oder minder große Belastung für die Gesellschaft darstellen.
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