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20.04.2015 | Geschichte

Der BLL und seine Geschichte als Krisenmanager

Ein Rückblick zum 60-Jahr-Jubiläum 2015
Hin und wieder wurde auch die Lebensmittelwirtschaft von Krisen heimgesucht. Welche Rolle hatte der BLL als Krisenmanager?

Krisen und ihre Wirkungen


Seit etwa Mitte der 1980er Jahre wird die Lebensmittelwirtschaft hin und wieder von Krisen heimgesucht. Dabei ging es um unerwartete Funde bestimmter Substanzen in Lebensmitteln, um Belastungen mit radioaktiven Stoffen, um Hygieneprobleme, um den Rinderwahn (BSE), um Betrügereien (z. B. Pferdefleisch statt deklariertem Rindfleisch) und um weitere tatsächliche oder angebliche Verstöße gegen lebensmittelrechtliche Vorschriften.

In aller Regel kam es – zum Glück – zu keiner Gesundheitsgefährdung; die große Ausnahme war die EHEC-Tragödie 2012, die zu vielen Todesopfern und zum Teil äußerst schweren Erkrankungen führte.

Der Begriff „Lebensmittelskandal“ ist die gängige Beschreibung der Öffentlichkeit, und zwar auch für solche Vorkommnisse, die von niemandem in der Lebensmittelkette zu verantworten sind, wie die Acrylamid-Problematik. Auch sie wurden und werden gern als weiterer Beweis in der Grundkritik am modernen Lebensmittelangebot, an den zum Einsatz gelangenden Stoffen und Verfahren angeführt.

Die mediale Skandalisierung mag zwar die Auflage oder auch die Einschaltquote erhöhen, sie dient aber nicht der sachgerechten Lösung der jeweiligen Problematik, vielmehr setzt sie die Politik unter Zugzwang, was wiederum sehr leicht zu Aktionismus an Stelle überlegten, sachbezogenen Handelns führt. Auf Krisen welcher Art und Güte auch immer reagiert die Politik vielfach reflexartig, denn sie ruft stereotyp nach Verschärfung der Vorschriften, Erhöhung des Strafmaßes, besserer Kontrolle oder nach Werbeverboten.

Mit der Zeit wurde immer deutlicher, dass sich Krisen mit einem bestimmten Potenzial in der Regel nicht auf ein Unternehmen und selbst kaum auf eine Branche eingrenzen lassen, dass in den allermeisten Fällen die Lebensmittelwirtschaft insgesamt tangiert ist, oftmals auch grenzüberschreitend. Die Gründe dafür liegen in der Medialisierung und Politisierung der Thematik – insbesondere in Ausnahmesituationen wie einer Krise. Regelmäßig verführt eine Krise auch zu einem politischen Wettlauf.

Erwartungen an den BLL


Der BLL war bei allen Krisen von einer bestimmten Relevanz gefordert und hat sich dabei ein großes Renommee erworben, in der Lebensmittelwirtschaft und bei den Behörden im Bund und Ländern. Im Laufe der Zeit hat das Kapitel Krisenbewältigung im Jahresbericht des BLL immer breiteren Raum eingenommen. Sie wurde zu einer seiner Kernaufgaben. Aus jeder Krise konnten bestimmte allgemeingültige Lehren gezogen werden, die dann der Bewältigung der nächsten zugutekamen. Dies gilt für die zu Anfang einer jeden Krise besonders wichtige Klärung des Sachverhalts, der Rechtslage und der wissenschaftlichen Bewertung im Hinblick auf die Frage, ob eine Gesundheitsgefährdung vorliegt. Dabei ist ein offener Informations- und Gedankenaustausch mit den Behörden unumgänglich. So umfasst die Klärung des Sachverhaltes auch die Frage, wer außer dem aktuell betroffenen Unternehmen, außer der primär tangierten Branche von der Problematik noch erfasst sein könnte.

Gegenüber den Behörden musste der BLL über viele Jahre die gleiche Offenheit einfordern, die er an den Tag legte; damit war er schließlich erfolgreich und wurde und wird weitgehend von den Behörden in die Information über dortige Erkenntnisse, Bewertungen und Maßnahmen einbezogen. Ganz offiziell wurde er vom damaligen BMELV als erster Ansprechpartner in Krisenfällen und damit als Koordinator der Information gegenüber seinen Mitgliedern bestimmt. In der Krise ist es in der Regel der BLL, der den Medien gegenüber Rede und Antwort stehen muss.

Tschernobyl


Eine ganz wesentliche Aufgabe des BLL in der Krise ist es, für die – betroffenen – Mitglieder „einfach da zu sein“. Unternehmen, wie auch Fachverbände schätzen es, in einem solchen möglicherweise existenzbedrohenden Ausnahmefall einen – kompetenten – Ansprechpartner zu haben, und zwar rund um die Uhr. In großem Maßstab hat der BLL diese Erfahrung während der Tschernobyl-Krise im Frühjahr 1986 gemacht. Mit der damaligen Situation waren zunächst alle in Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Verbraucherverbänden und auch Wirtschaft völlig überfordert. Niemand wusste, wie sich die Situation entwickelt, wieviel Radioaktivität freigesetzt war, wohin „die Wolke“ zog, und welche Belastung die radioaktive Kontamination für Lebensmittel und damit für die Gesundheit der Konsumenten bedeutete. Die Unsicherheit begann schon damit, dass man Begriffe wie Becquerel nicht kannte, und dass von Bundesländern völlig unterschiedliche, gegriffene Grenzwerte ausgesprochen wurden. In dieser Situation rief der BLL zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung und lud dazu den damaligen Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit und den Präsidenten der Strahlenschutzkommission ein. Allein die Möglichkeit, aus erster Hand von diesen Informationen zu erhalten, seien sie noch so vorläufig und vage, und ihnen Fragen stellen zu können, wurde von den Mitgliedern außerordentlich geschätzt und dem BLL „gutgeschrieben“.

Die schlimmsten Krisen


Die Liste der Krisen beginnt mit dem sogenannten Birkel-Fall, als zunächst mehreren Teigwarenherstellen und dann diesem Unternehmen öffentlich von Behördenseite die Verwendung verunreinigter Eier vorgeworfen wurde. Der BLL begleitete „den Fall“, der, abgesehen von den unmittelbaren Auswirkungen für das Unternehmen, die grundsätzliche Frage nach der Zulässigkeit behördlicher Warnungen für nicht verkehrsfähige Lebensmittel aufwarf. Damit wurde erstmalig die noch heute diskutierte Thematik des behördlichen (Eingriffs-) Handelns mittels Information erkennbar.

Fast zeitgleich mit dem Birkel-Fall ereignete sich der „österreichische Weinskandal“. Im großen Stile war das Frostschutzmittel Diethylenglykol eingesetzt worden, um „saure Weine zu süßen“, wodurch für billiges Geld Auslesen und Beerenauslesen marktreif gemacht wurden. Dieser klare Betrug erschütterte die Öffentlichkeit zu Recht. Der BLL war zunächst nicht damit befasst, denn grundsätzlich gab es für ihn nichts „zu managen“ in dieser Situation. Auf den Plan gerufen wurde er jedoch, als urplötzlich und unerwartet Diethylenglykol in anderen Lebensmitteln auftauchte, insbesondere in bestimmten Süßwaren. Die Klärung des Sachverhaltes ergab, dass es sich hier um eine Migration aus der Verpackung handelte, aus Zellglasfolie, der entsprechend einer EWG-Richtlinie Diethylenglykol zugesetzt werden durfte. In dieser durch den eklatanten Betrugsfall beim Wein aufgeheizten Atmosphäre war es überaus schwierig, den Sachverhalt, die rechtliche Subsumption und die wissenschaftliche Bewertung zu vermitteln. Die deutsche Politik wollte zunächst die zum großen Teilen bereits fertiggestellte Weihnachtsproduktion in Zellglasfolie generell verbieten lassen, lenkte dann aber doch ein.

Von den weiteren Krisen im Laufe der letzten drei Jahrzehnte ragt selbstverständlich BSE mit all seinen Unsicherheiten, Unwägbarkeiten und politischen Unsensibilitäten heraus. Diese Krise hat in weiten Teilen der Bevölkerung verständlicherweise große Angst hervorgerufen.
Weitere große Aufmerksamkeit zu ihrer Zeit fanden "Cumarin im Zimt“, die verschiedenen „Gammelfleisch-Funde“, „Morphin im Mohn“, Dioxin-Funde mit wechselnden Ursachen und Anfang 2013 das Pferdefleisch in der Lasagne und ähnlichen Produkten.

Aufgrund seiner furchtbaren Auswirkungen ist EHEC nochmals zu erwähnen, auch wenn es sich nicht um einen Skandal, sondern um ein tragisches Unglück handelte. Und in diesem Falle hat glücklicherweise keine Skandalisierung seitens der Politik oder auch der Medien stattgefunden. Vorherrschend waren hier Betroffenheit und Unsicherheit bei der sehr lange andauernden Suche nach den Ursachen.

Als sehr speziellen Fall einer Krise sei „Acrylamid“ angeführt, das im Zusammenhang mit Lebensmitteln erstmals im April 2002 nachgewiesen wurde. Dieser Stoff, der bei der Erhitzung bestimmter Kohlenhydrate entsteht und als karzinogen eingestuft wird, wurde durch einen bloßen Zufall außerhalb des Lebensmittelbereiches entdeckt. Sehr schnell bestand Einigkeit, basierend auf Erkenntnissen der Wissenschaft, dass die Belastungen mit Acrylamid soweit wie möglich eingedämmt werden müssen. So wurde zwischen der damaligen Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft und der Wirtschaft abgesprochen, alles Machbare für eine Minimierung der Belastung des Menschen zu tun. Und dies ist über die Jahre erfolgreich geschehen, durch verschiedene Programme, durch vom BLL mitgetragene Forschungsvorhaben des Forschungskreises der deutschen Ernährungsindustrie, durch hohe Investitionen in die Analytik von Seiten der Süßwarenindustrie etc. Acrylamid war und ist ein gutes Beispiel, wie man auch ohne strafbewehrte Regelung gemeinsam viel erreichen kann.

Der BLL hat aus seinem Krisenmanagement eine Vielzahl von Lehren gezogen und diese in einem mehrfach überarbeiteten „Leitfaden Krisenmanagement“ als Handreichung für Unternehmen und Verbände der Lebensmittelwirtschaft niedergelegt.

Der BLL ist für die Branche zu einem unverzichtbaren Krisenmanager geworden – es bleibt zu hoffen, dass er diese Aufgabe und Funktion nicht allzu oft ausüben muss.
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