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Geschichte

Zwischen Tschernobyl und Wiedervereinigung

Dr. Karl Schneider, BLL-Präsident 1984–1998/BLL-Ehrenpräsident
Es war in den frühen 80er „Brüsseler Jahren". Die Koordinaten der politischen Entscheidungen verschoben sich, zunächst nur wenig relevant, zögerlich, dann aber schneller, tiefgreifender und mit immer stärkeren Auswirkungen auch auf die im Wettbewerb stehenden Unternehmen und Branchen. Mit am stärksten betroffen waren Agrar- und Ernährungswirtschaft. Das Verordnungskarussell begann sich zu drehen, Kompetenz war gefragt, man fand sie beim BLL. Damals kam ich als Vertreter der Wirtschaftsverbände "Zucker" 1980 in das Kuratorium und erlebte diese noble Institution noch unter den verehrungswürdigen Herren Dr. Kraak und Auf dem Hövel.

Es war noch die Zeit der „großen Häuser", als 1985 ein neuer – der dritte – BLL Präsident zur Wahl stand. Auch ich wurde um einen Vorschlag gebeten, was dann aber darauf hinaus lief, doch bitte selbst das Amt zu übernehmen. Mein damaliger Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrates der Südzucker war Hermann Joseph Abs und seine Mahnung, als verantwortlicher in Wirtschaftsunternehmen solle man 15 Prozent seiner Arbeitszeit den öffentlichen Dingen zuwenden, aber auch die Unterstützung meiner Vorstandskollegen, das hohe Ansehen des BLL und der mir wohl bekannte Einsatz seiner jungen tüchtigen Mannschaft machten mir die Entscheidung leicht. Auf die folgenden 14 Jahre blicke ich dankbar zurück.

Ein Jahr nach dem Amtsantritt 1984 folgte an der Spitze des Gesundheitsministeriums Rita Süßmuth auf Heiner Geißler. Mit ihr und dem Staatssekretär Chory, wie auch mit den führenden Beamten des Ministeriums, gab es eine vertrauensvolle Zusammenarbeit in bewegten Jahren. Die erste große Herausforderung war die Katastrophe von Tschernobyl, sie traf in der alten Bundesrepublik auf sehr unklare Kompetenzen und Gefährdungseinschätzungen. So trafen die einzelnen Bundesländer, kaum nachvollziehbar, unterschiedliche Entscheidungen zu Vermarktungsverboten einzelner kontaminierter Lebensmittel. Entscheidungen, die der Bevölkerung und den Nahrungsmittel-Erzeugern kaum vermittelbar waren. Gestützt auf seinen Wissenschaftlichen Beirat, darunter an vorderster Stelle Prof. Diehl, damals Chef der Bundesanstalt für Ernährung, sowie auf die Expertise seiner Mitglieder aus Landwirtschaft, Handwerk, Industrie und Handel, leistete der BLL in wochenlanger harter Arbeit gemeinsam mit den Ministerien einen wichtigen Beitrag zu einer realistischen Bewertung und damit zur Beruhigung.

Die beharrliche kompetente Arbeit nach innen und nach außen hatte damals ihren Schwerpunkt in unserer Mitwirkung bei Verordnungen und Gesetzen zusammen mit Bund, Ländern und – zunehmend – in Europa. Sie stand unter der selbst auferlegten Verpflichtung, zu einer gesunden und modernen Lebensmittelversorgung beizutragen. Parallel liefen, oft gemeinsam mit den einschlägig tätigen Verbänden, Aktionen der Wissensvermittlung für die Verbraucherschaft. Ich erinnere mich an den großen Erfolg unserer mehrfach aufgelegten Zusatzstoffbroschüre.

Leider wurde die Tagesarbeit von Rückschlägen unterbrochen, die bisweilen völlig unerwartet und unter hohen öffentlichen Druck bewältigt werden mussten, wie z. B. der so genannte „Diethylenglycol-Skandal" oder auch die „BSE-Krise".

Gleichzeitig stellte sich dem BLL die große schöne Aufgabe, an der lebensmittelrechtlichen Eingliederung der neuen Bundesländer maßgeblich mitzuwirken. Voller Dankbarkeit blicke ich zurück auf die unglaubliche Arbeit, die im Haupt- und Ehrenamt des BLL in dieser Zeit geleistet wurde. Beispielhaft für so manche die es verdienten hier genannt zu werden, danke ich voller Hochachtung den leider bereits Verstorbenen Prof. Hans-Jürgen Rabe und Dr. Klaus-Alfred Schroeter, die beide aufgrund ihrer jahrzehntelangen unermüdlichen Arbeit für den BLL unvergessen bleiben werden!

Und einmal gab es auch eine Meldung aus dem BLL, die um die Welt ging: In seiner Rede an unserem Neujahrsempfang 1990 überraschte Horst Teltschik, damals engster außen- und sicherheitspolitischer Berater des Bundeskanzlers, eben von Russland zurückgekehrt, seine Zuhörer, darunter viele Pressevertreter, mit der sensationellen Nachricht, dass bei der gerade beendeten Verhandlung Kohl - Gorbatschow der Durchbruch zur Wiedervereinigung erreicht worden sei.
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