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BfR-Präsident Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel: "Die meisten Menschen schätzen Risiken falsch ein"

"Die Leute stürzen sich von Bergen runter und haben dann Angst vor Dioxin."
Allerdings hätten die meisten Menschen andere Entscheidungskriterien, was mit ihrer individuellen Risikowahrnehmung zu tun habe: "Wir alle haben eine ausgeprägt selektive Risikowahrnehmung: Egal was wir machen, welche Hobbys wir haben: wir leben in einer Spaßgesellschaft. Die Menschen stürzen sich mit Snowboards von Bergen herunter – Angst jedoch haben sie vor Dioxin."

Fast 30 Prozent der Verbraucher sehen Lebensmittel als gesundheitliches Risiko an.


Problematisch bei der Risikowahrnehmung sei die "Risikoverstärkung": Was zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Risiko werde, hänge ganz entscheidend von der Medienberichterstattung ab. In einer BfR-Untersuchung nannten die meisten Bundesbürger bei der Frage nach den größten gesundheitlichen Risiken die Antwort "Lebensmittel" unmittelbar nach "Klimawandel", "Umwelt", "Verschmutzung" und "Strahlung". Lebensmittel werden dieser Untersuchung nach als größere Risiken gesehen als "ungesunde Lebensweise", "Rauchen" oder beispielsweise "Alkohol", "Drogen" und "Medikamente". Hensel resümierte: "Das heißt, das Risiko von Essen wird in der Wahrnehmung überbewertet. Vielleicht liegt es daran, dass in diesem persönlichen Bereich Risiken nicht richtig eingeordnet werden."




"Eingriffe des Menschen werden immer höher als natürliche Gefahren bewertet."


Die subjektive Risikoeinschätzung bezeichnete der BfR-Präsident als "intuitive Toxikologie". So würden etwa die Risiken von Pestiziden weit überschätzt und die der natürlichen Karzinogene unterschätzt: "Eingriffe des Menschen werden immer höher als die natürliche Gefahr bewertet, obwohl alle wirklichen Gifte, also Pflanzengifte oder Bakteriengifte viel giftiger sind, als synthetische." Fast jede Pflanze bestehe aus Pflanzengift, aber die Konzentration sei entscheidend.

"Wir überschätzen die eigenen Handlungsmöglichkeiten, weil wir sie als kontrollierbar empfinden."


Die subjektive Risikoeinschätzung hänge von vielen Faktoren ab, z. B. von der Kontrollierbarkeit, die Hensel als "funktionalen Optimismus" bezeichnet: "Wir überschätzen die eigenen Handlungsmöglichkeiten, weil wir meinen, die die Kontrollierbarkeit zu haben. Auch die Unmittelbarkeit und die Betroffenheit würden eine Rolle bei der subjektiven Risikoeinschätzung spielen. Wer selbst betroffen ist, will viel eher strenge Regulationen, als wenn Negatives irgendwo passiert. Wenn eine Folge direkt eintritt, reagieren wir sofort. Wenn eine Gefahr schleichend und unmerklich auftritt, wird sie eher unterschätzt. Auch die Frage, ob Wissenschaftler Gefahren erklären können, spiele eine Rolle: Wenn sie sofort eine Erklärungsmöglichkeit bieten, wird das Risiko geringer empfunden als wenn Wissenschaftler sich streiten."


Die Verbraucher informieren sich zu 90 Prozent in den Medien.


Der Frage, "wo Menschen ihre Informationen herbekommen", ging eine Umfrage des BfR nach. In fast 90 % der Fälle waren es die Medien, vor allem die Leitmedien, und vorne an das Fernsehen, aus denen Verbraucher von Themen wie "Pestizide", "Gammelfleisch", "Cumarin" oder "Blei im Spielzeug" hörten.


Der Begriff "Grenzwert" wird mit "Schwelle zwischen giftig und nicht giftig" verwechselt.


Deutschland stehe bei der Furcht vor Pestizid-Rückständen in der Europäischen Union sehr weit oben. Hierzu habe das BfR eine eigene Untersuchung gemacht und darum gebeten, Eigenschaften Lebensmitteln zuzuordnen, die mit oder ohne Pflanzenschutzmittel hergestellt wurden. 85 % der Befragten benannten "gesund" für Lebensmittel, die ohne Pflanzenschutzmittel hergestellt wurden, während die Eigenschaft "giftig" für Lebensmittel mit Pflanzenschutzmitteln zugeteilt wurde. Ursache sei, dass der Begriff "Grenzwert" falsch verwendet und in Zusammenhang mit "giftig" oder nicht "nicht giftig" gebracht würde, kritisierte Hensel. Mit der Konzeption zu Höchstgehalten für eine lebenslange Aufnahme hätte das Empfinden von Verbrauchern und Medien nichts mehr nichts zu tun. Die Folge sei ein völlig falsches Verständnis von Lebensmittelsicherheit. Auf die Frage, ob Pestizid-Rückstände in Lebensmitteln enthalten sein dürfen, hätten zwei Drittel aller Deutschen geantwortet, dass es nicht legal sei.


"Beim Dioxin-Vorfall wurde der Begriff "Höchstgehalte" missverstanden."


Auch in der Dioxin-Krise sei das Thema Höchstgehalte missverstanden worden, sagte Hensel, denn allein zu erklären, dass es unterschiedliche Höchstgehalte in verschiedenen Lebensmitteln gäbe, sei schwierig: "Wir alle essen jeden Tag ungefähr siebzig Pikogramm Dioxine am Tag und zwar jeder." Dass sich die Dioxingehalte in den letzten Jahren zum Positiven entwickelt habe, erläutert Hensel anhand einer Grafik zu Dioxinen in Muttermilch: Der Dioxingehalt der Muttermilch zeigt einen deutlichen Rückgangüber die letzten Jahrzehnte. Gleiches gelte beispielsweise für die Kuhmilch. Etwa im Jahr 1986 wurde mit umfangreichen Messungen und entsprechenden Maßnahmen begonnen. Heute sei ein niedriger Wert erreicht, der sich in einer Industrienation wahrscheinlich nicht mehr weiter verringern lasse.


"Man hat eine Überschreitung gefunden und die Ursache behoben – das System funktioniert!"


Bei den Höchstwerte trete nicht die biologische Relevanz zu Tage, sondern der Vorsorgegedanke des Staates: "Zur Sicherheit wird ein Höchstgehalt festgesetzt, damit der Staat eine Eingriffsmöglichkeit hat. Produkte sind bei Überschreitung nicht mehr verkehrsfähig. Das war der Hintergrund der Betriebssperrungen, nicht etwa weil Lebensmittel giftig waren." Höchstgrenze wären auch so niedrig angesetzt, um jede Überschreitung und ihre Quellen finden zu können, um dagegen vorzugehen. Genau das sei auch in der Dioxin-Krise passiert: "Man hat eine Überschreitung gefunden und die Ursache behoben. Insofern ist das, was mit der Höchstmengenfestlegung intendiert ist, tatsächlich eingetreten. Das System funktioniert."

Das BfR habe zum letzten Dioxin-Fall frühzeitig erklärt "Keine unmittelbare gesundheitliche Gefährdung". Trotzdem sei es zur Krise gekommen. Hensel konstatierte: "Der Dioxin-Fall ist ein weiterer Beleg dafür, dass relativ unbedeutende Risiken einen erheblichen Platz in der öffentlichen Wahrnehmung einnehmen, während andererseits schwerwiegende Risiken unterschätzt oder verdrängt werden."

"Den Medien geht es nicht um Wahrheit, auch nicht um Information, sondern um Aufmerksamkeit."


Dies werde sich in der Berichterstattung aber nicht ändern: "Den Medien geht es nicht um Wahrheit, auch nicht um Information, sondern um Aufmerksamkeit. Das heißt, dass Sie mit normalen Aussagen keinen Zugang finden." Es gebe inzwischen so viele Online-Redaktionen, die keine Zeit mehr hätten, Berichte zu reflektieren. Manche Nachrichten würden ungeprüft oder wenig geprüft in die Medien gestellt. Das quantitative Auftreten der Nachrichten werde gleichgesetzt mit Konkretheit und Wahrheit. Kritisch betrachtet Hensel auch die Auswahl der Talkshowgäste im Fernsehen zu Lebensmittelthemen, gerade beim Beispiel Dioxin: "Die Sender schienen vermieden zu haben, einen Gast einzuladen, der sich auskennt."

"Wir hatten eigentlich keine echte Krise. Es waren im Wesentlichen mediale Probleme und keine Gesundheitsprobleme."


Schließlich zog der BfR-Präsident sein Fazit: "Jeder Tag der "Dioxinkrise" hat die Volkswirtschaft zwischen 30 und 40 Millionen Euro gekostet. Was den eigentlichen Verbraucherschutz anbelangt, erlaube ich mir zu sagen: Wir hatten eigentlich keine echte Krise. Gammelfleisch, Dioxine und andere Themen der letzten Zeit waren im Wesentlichen mediale Probleme und keine Gesundheitsprobleme. Politik und Gesellschaft sollten eine Antwort auf die Frage finden, wie sie mit solchen hochgepuschten "Krisen" umgehen will."



Den Vortrag von Prof. Dr. Dr. Hensel finden Sie hier als PDF-Dokument zum Download:
Vortrag Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel

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