Longevity – so kann man möglichst lange gesund und aktiv bleiben
Überall hört man derzeit den Begriff „Longevity“. Was bedeutet er eigentlich?
Longevity bedeutet übersetzt Langlebigkeit. Dahinter steckt ein globales Thema: Unsere Gesellschaft altert rapide. Erstmals gibt es weltweit mehr Menschen über 65 als Kinder unter fünf Jahren. In Europa wird 2050 jeder Dritte über 65 sein. Das macht Longevity zu einer zentralen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Herausforderung – verbunden mit der Frage, wie wir diese Entwicklung positiv gestalten können.
Geht es dabei vor allem darum, möglichst lange zu leben?
Nein, im Mittelpunkt steht heute die gesunde Langlebigkeit. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt in Europa bei etwa 81 Jahren, die gesunde Lebenszeit aber nur bei rund 64 Jahren. Diese Lücke ist enorm. Ziel ist es, Menschen zu unterstützen, länger gesund, aktiv und selbstständig zu bleiben – nicht einfach nur älter zu werden.
Was passiert eigentlich beim Altern im Körper?
Altern ist ein natürlicher Prozess, aber er verläuft sehr unterschiedlich. Manche Menschen bleiben lange fit, andere entwickeln früher Erkrankungen. Typisch sind mit zunehmendem Alter etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Demenz oder Krebs. Gleichzeitig nehmen Mobilität, kognitive Leistungsfähigkeit, Sinnesfunktionen und allgemeine Vitalität ab. Das Alter selbst ist dabei der wichtigste Risikofaktor.
Sie unterscheiden zwischen biologischem und chronologischem Alter. Was heißt das?
Das chronologische Alter ist das, was im Ausweis steht. Das biologische Alter beschreibt hingegen den tatsächlichen Zustand des Körpers. Es kann deutlich davon abweichen – wir können biologisch jünger oder älter sein als unser Geburtsalter. Die entscheidende Frage der Forschung lautet: Wie können wir diesen Prozess beeinflussen, um langsamer biologisch zu altern?
Wie viel davon ist genetisch vorgegeben – und wie viel können wir selbst beeinflussen?
Eine wichtige Erkenntnis: Gene erklären nur einen Teil der Lebenserwartung, je nach Studie zwischen etwa sechs und maximal fünfzig Prozent. Der größere Anteil hängt von sogenannten epigenetischen Faktoren ab, also Umwelt, soziale Bedingungen und vor allem Lebensstil. Das bedeutet: Wir können aktiv Einfluss nehmen.
Welche Faktoren sind dabei besonders entscheidend?
Die Forschung zeigt sieben zentrale Lebensstilfaktoren:
- Bewegung – schon 6.000 bis 8.000 Schritte täglich haben Wirkung
- Gesunde Ernährung, insbesondere mediterran geprägt
- Soziale Interaktion
- Ausreichend Schlaf
- Geistige Aktivität und Neugier
- Stressbewältigung
- Verzicht auf schädliche Einflüsse wie Rauchen
Diese Faktoren wirken nicht isoliert, sondern verstärken sich gegenseitig.
Welche Rolle spielt die Ernährung konkret?
Im Vordergrund stehen nicht einzelne Nährstoffe, sondern Ernährungsmuster. Die mediterrane Ernährung gilt als besonders günstig: viel Gemüse, Hülsenfrüchte, gesunde Fette, wenig rotes Fleisch. Ergänzend zeigen Studien Vorteile für Nüsse und Beeren, etwa für die Gedächtnisleistung.
Und wie wichtig sind einzelne Mikronährstoffe?
Grundsätzlich sollte der Bedarf über die Ernährung gedeckt werden, denn Nahrungsergänzung ersetzt keine gesunde Ernährung, sondern kann sie allenfalls ergänzen. Es gibt aber Mikronährstoffe, die schwer ausreichend aufzunehmen sind, zum Beispiel Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren.
Sie forschen intensiv zu Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren. Was zeigen Ihre Studien konkret?
Wir haben mit der europäischen DO-HEALTH-Studie und der amerikanischen VITAL-Studie zwei große, hochqualitative Interventionsstudien durchgeführt. Dabei wurden gesunde ältere Menschen über mehrere Jahre begleitet. Die Ergebnisse zeigen, dass Omega-3-Fettsäuren unter anderem das Risiko für Infektionen und Stürze senken können und zusätzliche Effekte auf das Krebsrisiko haben. Vitamin D wiederum zeigte Vorteile etwa bei Autoimmunerkrankungen. Besonders interessant ist, dass sich die Wirkungen kombinieren: Mehrere Maßnahmen zusammen entfalten einen stärkeren Effekt als einzelne. In der Kombination aus Vitamin D, Omega-3 und einem einfachen Trainingsprogramm konnten wir in DO-HEALTH beispielsweise eine deutliche Verringerung neuer invasiver Krebserkrankungen sowie eine Reduktion von Gebrechlichkeit beobachten. Darüber hinaus liefern die Studien erstmals Hinweise, dass solche Maßnahmen auch den biologischen Alterungsprozess verlangsamen können. Das ist ein wichtiger Fortschritt, weil wir damit zeigen konnten, dass sich Altern nicht nur auf Krankheiten auswirkt, sondern direkt messbar beeinflussen lässt.
Welche negativen Faktoren beschleunigen das Altern?
Im Grunde sind es die Gegenteile der positiven Faktoren: Bewegungsmangel, schlechte Ernährung, Rauchen oder chronischer Stress.Besonders hervorzuheben ist jedoch ein oft unterschätzter Faktor: Einsamkeit. Studien zeigen, dass sie sich stärker negativ auf Gesundheit und Lebenserwartung auswirken kann als Rauchen oder Übergewicht. Sie beeinflusst Verhalten, psychische Gesundheit und sogar das Demenzrisiko.
Wenn Sie es auf drei Punkte reduzieren müssten: Was ist wirklich entscheidend für ein langes, gesundes Leben?
- Soziale Beziehungen pflegen und Einsamkeit vermeiden
- Bewegung und gesunde Ernährung fest in den Alltag integrieren.
- Kleine, nachhaltige Veränderungen kombinieren statt radikale Einzelmaßnahmen.
Denn genau diese Kombination macht den Unterschied – und sorgt dafür, dass gesunde Lebensführung nicht nur wirkt, sondern auch Freude macht.
Die ganze Podcastfolge zum Thema „Longevity“ steht auf Spotify zur Verfügung.