Rückblick

Jahrestagung im Zeichen von Versorgungssicherheit, Resilienz und verlässlicher Politik

- Wie gelingt Ernährungspolitik, die Gesundheit, Wahlfreiheit und Wirtschaft vereint? Auf der Jahrestagung des Lebensmittelverbands Deutschland diskutierten Politik, Wissenschaft und Wirtschaft über Rahmenbedingungen zwischen Evidenz, Erwartungen und politischer Steuerung.
© Sandra Ritschel
Bildunterschrift anzeigen

Zwischen globalen Krisen, steigenden Erwartungen und wachsender Regulierung steht die Ernährungspolitik unter Druck. Die Jahrestagung des Lebensmittelverbands Deutschland rückte zentrale Zielkonflikte in den Fokus und suchte nach tragfähigen Antworten für ein belastbares, zukunftsfähiges Lebensmittelsystem.

Püchner: Versorgungssicherheit und Verlässlichkeit als zentrale Aufgabe

René Püchner, Präsident des Lebensmittelverbands, stellte die Erfahrungen der vergangenen Jahre in den Mittelpunkt und betonte die Bedeutung stabiler Strukturen entlang der gesamten Lebensmittelkette: „Das wichtigste Thema für uns alle ist Verlässlichkeit und Offenheit“, erklärte Püchner. Er machte zugleich deutlich, dass eine funktionierende Versorgung kein Selbstläufer ist: „Stellen Sie sich vor, die Regale sind gefüllt, die Lieferketten funktionieren, die Logistik hat geliefert.“ Dahinter stehe eine komplexe Leistung entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Landwirtschaft über Verarbeitung und Handwerk bis hin zum Handel –, die tagtäglich erbracht werde, aber häufig als selbstverständlich wahrgenommen werde.

© Sandra Ritschel

Bildunterschrift anzeigen

Gemeinsame Schnittmengen: Resilienz, Planungssicherheit und Dialog

Auch Bundesminister Alois Rainer betonte die Bedeutung eines engen und vertrauensvollen Austauschs zwischen Politik und Wirtschaft sowie die Notwendigkeit verlässlicher Rahmenbedingungen. Rainer stellte die wachsenden Herausforderungen für die Branche in den Kontext globaler Krisen und machte deutlich: „Die Ernährungsbranche ist systemrelevant. Resilienz bedeutet auch, Vorsorge zu treffen, bevor der Ernstfall eintritt.“ Der Minister positionierte sich klar gegen zusätzliche Belastungen für Verbraucher und Unternehmen: „Ich bin grundsätzlich dagegen, dass Lebensmittel in der jetzigen Phase auch noch staatlich verteuert werden.“ Vor diesem Hintergrund unterstrichen beide Seiten die Bedeutung von Planungssicherheit, Bürokratieabbau und stabilen politischen Rahmenbedingungen.

© Sandra Ritschel

Bildunterschrift anzeigen

EFSA: Lebensmittelsystem im Wandel – Vertrauen durch Transparenz

Dr. Nikolaus Kriz, Direktor der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), ordnete die aktuellen Entwicklungen in einem größeren Zusammenhang ein: „Das europäische Lebensmittelsystem steht an einem Wendepunkt.“ Wissenschaftliche Komplexität, beschleunigte Innovationszyklen und steigende Erwartungen der Öffentlichkeit stellten neue Anforderungen an die Risikobewertung. Transparenz sei dabei der Schlüssel: „Wir schaffen Vertrauen nicht durch einfache Antworten, sondern durch Offenheit und Nachvollziehbarkeit.“ Zugleich betonte Kriz die zentrale Rolle von Vertrauen für Innovation: „Ohne Vertrauen keine Innovation. Ohne Sicherheit kein Markt.“

© Sandra Ritschel

Bildunterschrift anzeigen

Podium „Ernährung 2030“: Kontroverse um staatliche Steuerung

Auf dem anschließenden Podium diskutierten Caroline Bosbach (CDU), Dr. Franziska Kersten (SPD), Dr. Zoe Mayer (Bündnis 90/Die Grünen) und Manon Struck-Pacyna (Lebensmittelverband Deutschland) insbesondere über staatliche Steuerung, im Zentrum stand dabei die Debatte um eine mögliche Zuckersteuer. Struck-Pacyna stellte klar: „Die Zuckersteuer ist kein geeignetes Instrument, gesundheitspolitische Ziele zu erreichen. Entscheidend sind vielmehr Ernährungsbildung und informierte Entscheidungen der Verbraucherinnen und Verbraucher.“ Caroline Bosbach warnte vor zusätzlichen Belastungen und betonte die Eigenverantwortung: „Wir müssen uns fragen, ob es wirklich das richtige Signal ist, gerade in diesen Zeiten überhaupt über Steuererhöhungen zu sprechen.“ Dr. Franziska Kersten plädierte für eine differenzierte Betrachtung: „Es gibt wissenschaftliche Studien, die durchaus widersprüchlich sind, deshalb müssen wir sehr genau hinschauen, welche Maßnahmen tatsächlich wirken.“ Dr. Zoe Mayer hob generell die Bedeutung struktureller Rahmenbedingungen hervor: „Die Ernährungsumgebung ist das A und O, wenn wir bei ernährungsbedingten Krankheiten vorankommen wollen.“ Neben kontroversen Positionen um die Steuerfrage wurden auch Ansätze für gemeinsame Handlungsfelder sichtbar: Ernährungsbildung, transparente Verbraucherinformation sowie innovationsfreundliche Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion. Fazit: Ernährungspolitik braucht Dialog und Differenzierung.

© Sandra Ritschel

Bildunterschrift anzeigen

Die Jahrestagung zeigte: Eine zukunftsfähige Ernährungspolitik erfordert ein ausgewogenes Zusammenspiel von wissenschaftlicher Evidenz, politischer Verantwortung und wirtschaftlicher Praxis. Der Lebensmittelverband Deutschland setzt dabei auf Dialog, faktenbasierte Entscheidungen und die Stärkung von Verbraucherkompetenz als Grundlage für eine Ernährung, die sowohl gesundheitlichen als auch gesellschaftlichen Anforderungen gerecht wird.