Interview mit Dr. Sonja Brungs vom DLR

Vom Tubenbrei zur Menüvielfalt: Wie Essen im All zum Erfolgsfaktor wird

- Weltraumnahrung ist heute mehr als reine Versorgung: Vielfalt, Geschmack und Individualität fördern Leistungsfähigkeit und Teamdynamik. Dr. Sonja Brungs vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt erklärt den Wandel und die Herausforderungen für zukünftige Missionen.
Ein Bild der ISS wie sie im Weltraum schwebt, im Hintergrund sieht man die Erde
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Wenn wir an die ersten Raumflüge denken: Wie groß ist der Fortschritt bei der Weltraumnahrung wirklich?

Der Fortschritt ist tatsächlich enorm. In den Anfangszeiten der Raumfahrt bestand die Nahrung aus sehr einfachen Formen – kleine verpackte Häppchen, Tuben oder Pasten. Das war funktional, aber natürlich weit entfernt von dem, was wir heute unter Essen verstehen. Ein entscheidender Schritt kam mit den Apollo-Missionen, als erstmals heißes Wasser an Bord verfügbar war. Damit wurde es möglich, Speisen zuzubereiten.
Heute dominieren gefriergetrocknete Gerichte, die mit heißem Wasser rehydriert werden. Das erlaubt nicht nur eine bessere Haltbarkeit, sondern auch eine deutlich größere Vielfalt. Auf der Internationalen Raumstation sprechen wir aktuell von rund 200 verschiedenen Gerichten, aus denen die Crew auswählen kann. 

Wie sieht denn ein typischer Speisetag im All aus? Gibt es so etwas überhaupt?

Einen klassischen Speiseplan gibt es eigentlich nicht mehr. Das ist auch bewusst so gestaltet. Astronautinnen und Astronauten können jeden Tag neu entscheiden, was sie essen möchten – je nach Geschmack, Stimmung oder Bedarf.
Die Auswahl ist sehr breit: von eher klassischen Gerichten wie Chicken Curry mit Cashewkernen über Mango-Salat oder cremige Pilzsuppe bis hin zu Pasta mit Garnelen. Ergänzt wird das durch Snacks wie getrocknetes Obst, Nüsse oder Schokoriegel. Auch bei den Getränken gibt es Vielfalt, von Orangensaft über Smoothies bis hin zu unterschiedlichen Kaffeevarianten.

Wie funktioniert die Zubereitung konkret unter Schwerelosigkeit?

Die Zubereitung ist technisch gut durchdacht. Es gibt an Bord eine Art Wasserhahn, aus dem etwa 80 Grad heißes Wasser kommt. Die gefriergetrockneten Speisen sind in speziellen Beuteln verpackt, die über einen Adapter direkt angeschlossen werden können. So wird die exakt benötigte Wassermenge hinzugegeben. Danach ruht das Gericht etwa 20 bis 30 Minuten, bis es das Wasser vollständig aufgenommen hat und wieder nahezu seine ursprüngliche Konsistenz erreicht.
Zusätzlich gibt es sogenannte Foodwarmer, mit denen bereits gekochte Speisen – etwa aus Dosen – erwärmt werden können. Und ein gewisses Maß an „Selbstzubereitung“ bleibt auch: etwa wenn sich Astronauten Aufstriche auf Tortillas streichen. Man isst also längst nicht mehr nur aus Dosen. 

Welche Rolle spielt Genuss – ist das im All überhaupt relevant?

Genuss spielt eine sehr große Rolle. Die Crew kann bereits am Boden viele Gerichte probieren und auswählen. Zudem wird das Angebot kontinuierlich weiterentwickelt: Die NASA sammelt Feedback von den Astronautinnen und Astronauten und passt die Speisen entsprechend an.
Im europäischen Kontext gibt es zusätzlich das sogenannte „ESA Bonusfood“. Dabei werden individuelle Lieblingsgerichte entwickelt, oft aus der Heimat der jeweiligen Crewmitglieder. Diese werden dann mit ins All genommen und häufig auch gemeinsam gegessen. Das hat nicht nur kulinarische, sondern auch soziale Bedeutung

Verändert die Schwerelosigkeit eigentlich den Geschmackssinn?

Ja, das wird tatsächlich berichtet. Einige Astronautinnen und Astronauten empfinden Geschmack im All als weniger intensiv. Eine mögliche Erklärung ist die veränderte Flüssigkeitsverteilung im Körper: In der Schwerelosigkeit sammelt sich mehr Flüssigkeit im Kopfbereich, wodurch die Nasenschleimhäute stärker durchblutet sind. Das kann den Geschmackssinn beeinträchtigen, ähnlich wie bei einer Erkältung. Das ist allerdings individuell unterschiedlich. Manche merken es deutlich, andere kaum. Deshalb gibt es auch Möglichkeiten, vor Ort nachzuwürzen, etwa mit scharfen Soßen. 

Welche Anforderungen müssen Lebensmittel erfüllen, damit sie weltraumtauglich sind?

Die Anforderungen sind sehr spezifisch. Ein zentrales Thema ist die Konsistenz: Lebensmittel dürfen nicht krümeln oder unkontrolliert auseinanderfallen, weil sich Partikel sonst in der Raumstation verteilen würden. Deshalb sind viele Speisen etwas cremiger als auf der Erde. Zudem müssen sie sicher, haltbar und gut handhabbar sein. Interessant ist: Es werden nicht nur speziell entwickelte Produkte genutzt. Auch Lebensmittel aus dem Supermarkt können zum Einsatz kommen, sofern sie Tests bestehen und sich als geeignet erweisen, etwa weil sie nicht krümeln.

Wie wichtig ist Ernährung für die Leistungsfähigkeit der Crew?

Essen ist auf jeden Fall ein sehr wichtiger Bestandteil des Arbeitens im All. Das gilt in mehrfacher Hinsicht. Natürlich geht es um die Nährstoffversorgung und Energiezufuhr. Aber genauso wichtig ist der mentale Aspekt: gutes Essen, gemeinsames Essen, vertraute Geschmäcker – all das trägt zur psychischen Stabilität bei.
Gerade bei sehr anstrengenden Tätigkeiten, etwa Außenbordeinsätzen, ist zudem eine ausreichende Kalorienzufuhr entscheidend. Ernährung ist also ein zentraler Faktor für Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Wohlbefinden. 

Wie wird sichergestellt, dass die Ernährung optimal bleibt?

Die Nahrungsaufnahme wird genau dokumentiert. Jedes Produkt ist mit einem Barcode versehen und wird über eine App erfasst. Diese Daten werden an Ärztinnen, Ärzte und Ernährungswissenschaftler am Boden übermittelt. So kann erkannt werden, ob bestimmte Nährstoffe fehlen. In solchen Fällen erhält die Crew gezielte Empfehlungen, etwa bestimmte Lebensmittel häufiger zu konsumieren. Es geht also weniger um starre Vorgaben als um eine kontinuierliche Anpassung. 

Mit Blick auf zukünftige Marsmissionen: Wo liegen die größten Herausforderungen?

Die Herausforderungen sind erheblich. Bei langen Missionen muss die Versorgung absolut zuverlässig sein, da ein Nachschub nicht möglich ist. Gleichzeitig müssen die Nährstoffe über lange Zeit stabil bleiben trotz erhöhter Strahlung im All.
Hinzu kommt das Thema Müll: Verpackungen dürfen nicht zu viel Gewicht verursachen und müssen möglichst reduziert werden. Gleichzeitig soll die Vielfalt erhalten bleiben. Ein vielversprechender Ansatz ist der Anbau frischer Lebensmittel an Bord. Erste Experimente mit Salaten oder Paprika auf der ISS waren erfolgreich. Auch Technologien wie Bioreaktoren oder 3D-Druck könnten künftig eine Rolle spielen, um Nahrung direkt während der Mission herzustellen.

Welche Impulse könnten aus der Weltraumernährung für die Erde kommen?

Ein zentraler Punkt ist der Umgang mit begrenzten Ressourcen. Wenn es gelingt, unter extremen Bedingungen zuverlässig Nahrung zu produzieren, kann das auch auf der Erde helfen – etwa in Krisengebieten oder Regionen mit schwierigen Umweltbedingungen. Darüber hinaus gibt es Potenzial bei Verpackungen, etwa durch wiederverwendbare oder besser abbaubare Lösungen. Insgesamt kann die Raumfahrt wichtige Impulse für nachhaltigere Ernährungssysteme liefern.

 

Die ganze Podcastfolge zum Thema „Weltraumnahrung“ steht auf Spotify zur Verfügung.