Interview mit Dr. Klaus-Peter Liesenkötter zur Jodversorgung In Deutschland

„Wenn Salz, dann Jodsalz – daran entscheidet sich die Jodversorgung einer ganzen Bevölkerung.“

- Jod ist ein wichtiges Spurenelement für die Gesundheit. Warum Jodmangel zunimmt, welche Gruppen besonders gefährdet sind und was man im Alltag tun kann, erklärt Dr. Klaus-Peter Liesenkötter im Interview. Er ist Kinder- und Jugendarzt und engagiert sich seit vielen Jahren im Arbeitskreis Jodmangel.
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Warum ist Jod für unseren Körper so wichtig?
Jod ist ein essenzielles Spurenelement und unverzichtbar für die Bildung der Schilddrüsenhormone. In der Schilddrüse ist Jod der zentrale Baustein von Thyroxin und Triiodthyronin. Diese Hormone steuern eine Vielzahl lebenswichtiger Prozesse im Körper – darunter den Energie- und Grundumsatz, den Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel, die Körpertemperatur, das Herz-Kreislauf-System, die Gehirnaktivität, die Verdauung sowie die Fruchtbarkeit. Besonders wichtig sind Schilddrüsenhormone während der Schwangerschaft und in der frühen Kindheit. In der Embryonalzeit sind sie entscheidend für die Ausreifung des Gehirns, später für eine normale körperliche und psychomotorische Entwicklung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen.

Was passiert, wenn wir dauerhaft zu wenig Jod aufnehmen?
Ein Jodmangel führt dazu, dass die Schilddrüse nicht mehr ausreichend Hormone produzieren kann. Je nach Ausprägung kann es zu einer Schilddrüsenunterfunktion kommen. Erste Anzeichen sind häufig Konzentrations- und Leistungsstörungen, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Kälteempfindlichkeit oder Verdauungsprobleme. Die Schilddrüse versucht zunächst, den Jodmangel auszugleichen, indem sie wächst – es kommt zur sogenannten Kropf- oder Strumabildung. Besteht dieser Zustand länger, können sich zusätzlich Knoten in der Schilddrüse entwickeln. Bei Kindern kann ein Jodmangel zudem zu Verzögerungen in der körperlichen und geistigen Entwicklung führen.

Wie ist die Jodversorgung in Deutschland aktuell?
Deutschland gilt nach wie vor als Jodmangelgebiet – unabhängig von Region oder Bundesland. Das liegt vor allem daran, dass unsere Böden sehr jodarm sind. Pflanzliche Lebensmittel enthalten daher kaum Jod. Zwar hat sich die Versorgung seit den 1980er-Jahren durch den Einsatz von jodiertem Salz verbessert, dennoch zeigen aktuelle Daten einen erneuten Negativtrend.
Nach Daten des Robert Koch-Instituts haben rund 32 Prozent der Erwachsenen und 44 Prozent der Kinder ein erhöhtes Risiko für eine unzureichende Jodversorgung. Besonders besorgniserregend ist die Situation bei Frauen im gebärfähigen Alter: Bei den 18- bis 29-Jährigen sind fast 50 Prozent gefährdet, bei den 30- bis 39-Jährigen rund 40 Prozent.

Warum hält sich trotzdem der Eindruck, Jodmangel sei ein Problem der Vergangenheit?
In den frühen 2000er-Jahren zeigte das Jodmonitoring tatsächlich eine ausreichende durchschnittliche Jodversorgung. Deutschland wurde damals sogar von der WHO aus dem Atlas der Jodmangelländer gestrichen. Grundlage dafür waren Urinmessungen, die im Mittel Werte über 100 Mikrogramm Jod pro Liter zeigten.

Neuere Verlaufsuntersuchungen belegen jedoch einen deutlichen Rückgang. So sank der durchschnittliche Jodwert im Urin bei Kindern und Jugendlichen in den Folgejahren unter die von der WHO empfohlene Grenze. Auch Studien bei Erwachsenen bestätigen diese Entwicklung. Wir sehen heute wieder einen milden Jodmangel – insbesondere in bestimmten Risikogruppen.

Viele Menschen meiden bewusst Jodsalz aus Angst vor gesundheitlichen Risiken. Ist Jod gefährlich?
Diese Sorge begegnet mir vor allem bei Menschen mit autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen wie der Hashimoto-Thyreoiditis. Es stimmt, dass sehr hohe Jodmengen einen Autoimmunprozess triggern können. Daraus wird jedoch häufig fälschlich der Schluss gezogen, Jod grundsätzlich vermeiden zu müssen.
Für eine ausreichende Jodzufuhr im Bereich von 100 bis 200 Mikrogramm pro Tag gibt es nach übereinstimmender Expertenmeinung keine Hinweise auf eine Verschlechterung – auch nicht bei Menschen mit Hashimoto-Thyreoiditis. Selbst in Schwangerschaft und Stillzeit sollten betroffene Frauen eine ausreichende Jodzufuhr sicherstellen, da auch das ungeborene Kind auf Jod angewiesen ist.

Welche Bevölkerungsgruppen haben ein besonders hohes Risiko für Jodmangel?
Ganz klar zählen dazu Frauen im gebärfähigen Alter, Schwangere und Stillende, da der Jodbedarf in diesen Lebensphasen erhöht ist. Auch Säuglinge, Klein- und Vorschulkinder gehören zu den Risikogruppen, weil Schilddrüsenhormone in den ersten Lebensjahren entscheidend für die Gehirnentwicklung sind.
Ein weiteres Risiko besteht in Phasen hormoneller Umstellung, etwa in der Pubertät – insbesondere bei Mädchen. Zudem sind Menschen mit besonderen Ernährungsgewohnheiten gefährdet, etwa bei vegetarischer oder veganer Ernährung oder wenn aus gesundheitlichen Gründen auf Milch- und Fleischprodukte verzichtet wird. Viele Ersatzprodukte enthalten kaum oder gar kein Jod.

Gibt es frühe Warnsignale für einen Jodmangel?
Bei einem milden Jodmangel sind die Symptome oft unspezifisch oder fehlen ganz. Müdigkeit, Abgeschlagenheit oder Konzentrationsprobleme – gerade bei Jugendlichen – können Hinweise sein. Eine sichere Diagnose ist meist nur über ärztliche Untersuchungen der Schilddrüsenhormone möglich.

Wie viel Jod brauchen wir täglich – und welche Rolle spielt Jodsalz?
Der Jodbedarf ist altersabhängig. Erwachsene und Jugendliche ab etwa 13 Jahren benötigen rund 150 Mikrogramm Jod pro Tag. Schwangere haben einen Bedarf von etwa 220 Mikrogramm, Stillende sogar von rund 230 Mikrogramm täglich.
Jodiertes Speisesalz enthält in der Regel etwa 20 Mikrogramm Jod pro Gramm. Ein gehäufter Teelöffel Salz liefert damit rund 100 Mikrogramm Jod. Entscheidend ist jedoch nicht nur das Salz im Haushalt, sondern vor allem jodiertes Salz in verarbeiteten Lebensmitteln wie Brot, Back- und Wurstwaren sowie Milchprodukten.

Welche Lebensmittel sind gute Jodlieferanten?
Die wichtigsten natürlichen Jodquellen sind Meeresfische und Meeresfrüchte. Seelachs liefert etwa 250 Mikrogramm Jod pro 100 Gramm, Scholle rund 190 Mikrogramm. Milch und Milchprodukte tragen ebenfalls zur Versorgung bei, wobei konventionelle Produkte meist mehr Jod enthalten als Bio-Produkte.

Bei Algen ist Vorsicht geboten: Der Jodgehalt schwankt extrem und kann sehr schnell zu einer Überversorgung führen. Algenprodukte sollten daher nur verzehrt werden, wenn der Jodgehalt klar ausgewiesen ist.

Warum enthalten einige verarbeitete Lebensmittel trotzdem kein Jodsalz?
In Deutschland gilt das Freiwilligkeitsprinzip. Es gibt keine Pflicht zur Verwendung von Jodsalz. Ein wesentlicher Grund ist der internationale Handel: Innerhalb Europas gelten unterschiedliche Regelungen zur Art der Jodverbindungen, was eine einheitliche Produktion erschwert. Händler verlangen daher häufig Produkte ohne Jodsalz, um sie europaweit vertreiben zu können. Wenn Jodsalz verwendet wurde, ist dies im Zutatenverzeichnis erkennbar.

Welche drei Alltagstipps geben Sie für eine bessere Jodversorgung?
Erstens: Wenn Salz, dann Jodsalz – sowohl im Haushalt als auch außer Haus. Zweitens: Risikogruppen wie Schwangere, Stillende oder Menschen mit vegetarischer oder veganer Ernährung sollten gezielt über eine tägliche Jodsubstitution von etwa 100 bis 150 Mikrogramm nachdenken. Drittens: Ich wünsche mir, dass die Lebensmittelindustrie konsequent jodiertes Salz einsetzt und die Politik einheitliche Rahmenbedingungen schafft, damit eine ausreichende Jodversorgung für alle selbstverständlich wird.

Die Folge „Jod“ von ErnährungPlus – dem FoodCast kann hier nachgehört werden