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05.12.2008 | Kennzeichnung

Stellungnahme zur Verbraucherstudie des European Food Information Council (EUFIC) zum Verbraucherverhalten in den Geschäften, zum Ernährungswissen und zu Nutzung und Verständnis der Nährwertkennzeichnung

Am 5. November 2008 hat EUFIC die Ergebnisse einer paneuropäischen Studie zum Ernährungswissen der Verbraucher vorgestellt. Die Studie untersuchte das Verhalten der Verbraucher in den Geschäften sowie die Nutzung und das Verständnis der auf den Lebensmitteln angebotenen Informationen, insbesondere der Nährwertinformationen.
Damit liegen erstmalig Ergebnisse zur tatsächlichen Nutzung und zum Nutzen der angebotenen Nährwertinformationen vor. Bisher waren in Meinungsumfragen zum Thema Nährwertkennzeichnung nur Verbraucherpräferenzen zu unterschiedlichen Nährwertkennzeichnungsansätzen abgefragt worden. EUFIC hingegen hat direkt beim Einkauf untersucht, welche Zeit sich Verbraucher tatsächlich nehmen, um die Information auf den Etiketten und damit auch die Nährwertkennzeichnung zu lesen, ob sie die Information richtig verstehen und wie es generell um das Ernährungswissen bestellt ist.

Die Studie wurde in sechs europäischen Ländern durchgeführt, in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Ungarn und Schweden. Befragt wurden insgesamt 17.300 Verbraucher.

Die wichtigsten Ergebnisse sind:
  • dass die angebotenen Nährwertinformationen im Schnitt gut verstanden werden, seien es Nährwerttabellen oder GDAs (Guideline Daily Amounts).
  • dass eine Bewertung der Nährwertangaben mittels der Ampelfarben grün, gelb, rot zwar wahrgenommen, eine solche Ampelkennzeichnung jedoch vielfach "falsch" verstanden wird. So wird eine rote Ampel von drei Viertel der Befragten dahingehend interpretiert, dass die Produkte am besten gar nicht mehr verzehrt werden sollten (rot = stopp).
  • dass der Großteil der Verbraucher (mehr als zwei Drittel) in der Lage war, korrekte Angaben zum Fett-, Zucker- oder Salzgehalt von Lebensmitteln zu machen. Die Verbraucher neigen eher dazu, Nährstoffgehalte von Lebensmitteln höher einzuschätzen als sie sind. Der eigene Bedarf an Kalorien wird unterschätzt.
  • dass die Kalorienangabe in vier von sechs Ländern die wichtigste Information für die Verbraucher ist; Fett, Zucker und Salz, aber auch Ballaststoffe, Eiweiß und Vitamine folgen dann im Verbraucherinteresse.
  • dass je nach Land zwischen 50 und 70 Prozent der Verbraucher in der Lage waren, aus drei Produkten das jeweils kalorien-, fett- oder salzärmste zu erkennen.
  • dass sich die Verbraucher mehr Zeit bei der Produktauswahl nehmen als angenommen, im Schnitt 30 Sekunden für jede einzelne Auswahl.
  • dass das Ernährungswissen insgesamt sehr gut ist, z. B. zur Bedeutung von Obst- und Gemüseverzehr, von Vollkornprodukten, Ballaststoffen und unterschiedlichen Fettsäuren.
  • dass Verbraucher aus höheren sozialen Schichten und jüngere Verbraucher über ein besseres Ernährungswissen verfügen.


Aus Sicht der Lebensmittelwirtschaft bestätigt die EUFIC-Verbraucherstudie den Erfolg der Bemühungen der Unternehmen um Nährwertinformation auf sachlich-faktischer Grundlage. Sie zeigt vor allem auch, dass die Ampelkennzeichnung den Praxistest nicht besteht.

Während Angaben in Nährwerttabellen und GDAs gut verstanden und richtig interpretiert werden, sehen 73 Prozent der Befragten die rote Ampel als Warnung vor dem Verzehr des Lebensmittels. Sie nehmen an, dass dieses Produkt am besten ganz zu meiden sei. Diese Ergebnisse aus Frankreich und Großbritannien, den beiden Ländern, in denen es die Ampelkennzeichnung in der Praxis bereits gibt, bestätigen, dass die Ampel die falschen Signale sendet. Natürlich kann es in der Ernährung nicht darum gehen, fett-, zucker- oder salzreiche Erzeugnisse ganz zu meiden. Eine rein "ampelgrüne" Ernährung wäre weder ausgewogen noch abwechslungsreich und gesund und stünde damit im Widerspruch zu allen Ernährungsempfehlungen.

Deutlicher kann ein Votum gegen die Ampelkennzeichnung nicht begründet werden. Es gibt keine belastbare wissenschaftliche Begründung für eine "Ampelbewertung". Lebensmittel werden willkürlich abgewertet und diskriminiert. Das hat zuletzt auch die Stellungnahme der wissenschaftlichen Fachgesellschaft DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) verdeutlicht (Stellungnahme zur erweiterten Nährwertinformation auf der Basis des "1-plus-4"-Modells vom September 2008). Die Ziele der Verbraucherbildung und Verbraucherinformation - insbesondere Wissen zur Lebensmittelqualität zu entwickeln und den Umgang mit Lebensmitteln zu erlernen - werden durch die vereinfachte Kennzeichnung laut DGE nicht erreicht.

Lebensmittel enthalten zahlreiche notwendige Nährstoffe. Eine herausgegriffene Bewertung von Fett, Zucker, gesättigten Fettsäuren und Salz mittels der drei Ampelfarben grün, gelb und rot spiegelt den Nährwert eines Lebensmittels völlig unzureichend wider. Letzten Endes entscheiden Mengen und Zusammenstellung der Lebensmittel über die Qualität der Ernährung und nicht einzelne Nährstoffgehalte. Fettreiche Produkte wie Oliven, Nüsse oder bestimmte Fischarten würden negativ bewertet, enthalten aber besonders viele hochwertige oder gar lebensnotwendige Fettsäuren. Dies zeigt, dass eine Ampelkennzeichnung nicht akzeptabel sein kann.

Die Lebensmittelwirtschaft erneuert deshalb auf der Grundlage der Ergebnisse der EUFIC-Studie ihre Forderung an die Politik, die bisher geforderten und geförderten Ansätze zur freiwilligen Nährwertinformation weiter zu unterstützen und der Ampel endgültig eine Absage zu erteilen. In den vergangenen zwei Jahren hat die Lebensmittelwirtschaft mit erheblichem finanziellen Aufwand auf der Mehrzahl der Erzeugnisse Nährwertkennzeichnung freiwillig eingeführt, binnen der nächsten beiden Jahre werden nahezu alle Lebensmittel Nährwertkennzeichnung tragen. Dies muss bei der aktuellen Gesetzgebungsdiskussion in Brüssel im Rahmen des Verordnungsvorschlages zur Lebensmittelinformation honoriert werden.

Im Übrigen macht die Studie auch deutlich, dass Verbraucheraufklärung, Bildung und Motivation - nicht Lebensmittelkennzeichnung - die Schlüssel für "besseres" Wissen der Verbraucher um die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Bewegung und Übergewicht sind. Deshalb unterstützt und fördert die Lebensmittelwirtschaft unter anderem die Plattform Ernährung und Bewegung e. V. (peb), in der gemeinsam mit wichtigen gesellschaftlichen Kräften wie Politik, Sportverbänden, Gewerkschaften, Elternvertretern und Ärzten viel versprechende Ansätze zur Bekämpfung des Übergewichts speziell bei Kindern und Jugendlichen verfolgt werden. Übergewicht hat nachweislich multifaktorielle Ursachen. Jeder Lösungsansatz muss diese angemessen berücksichtigen. Eine Politik, die sich im Wesentlichen auf die Kennzeichnung und Vermarktung von Lebensmitteln fokussiert, ist nicht zielführend


Bonn, 21. November 2008


Diese Stellungnahme des BLL können Sie hier als PDF-Dokument herunterladen:
Stellungnahme zur Verbraucherstudie des EUFIC zum Verbraucherverhalten (November 2008)
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