13.09.2016 | Journalismus

3. Mediendialog Lebensmittel: Ist die Wirklichkeit auf dem Rückzug? – Eine Debatte über Gefühle und Fakten

Rückblick auf den Mediendialog 2016 in der Bar Jeder Vernunft
Werbebeschränkungen, erhöhte Steuersätze mit Lenkungswirkung und Echoräume für gute Stories – beim dritten BLL-Mediendialog Lebensmittel am 8. September 2016 wurde intensiv über die Auswirkungen von politischen Regulierungen auf die Lebensmittelbranche, die Medienlandschaft und das Verbraucherverhalten diskutiert. Die Bar jeder Vernunft in Berlin-Wilmersdorf bot dafür namentlich und atmosphärisch den perfekten Rahmen.

In seiner Begrüßungsrede erläuterte BLL-Vizepräsident Rolf Lange, warum das Format, welches die Lebensmittel- und Medienbranche mit der Politik zu einem Dialog zusammenbringt, nun bereits im dritten Jahr in Folge so erfolgreich läuft: „Weil es nicht nur eine Lebensmittel-Wertschöpfungskette gibt, sondern auch eine Informations- und Aufklärungskette über Lebensmittel. Und die zeigt, dass wir letztendlich alle miteinander verbunden sind. Die Wirtschaft stellt Lebensmittel her, klärt darüber auf, macht dafür Werbung. Die Medien berichten darüber und profitieren gleichzeitig von den Werbeeinnahmen. Der Verbraucher bildet sich seine Meinung und vertritt diese durch die Wahl der Lebensmittel, der Medien und der politischen Partei. Die Politik sieht sich in der Verantwortung und trifft Entscheidungen, die wiederum Folgen für die Wirtschaft haben.“

BLL-Vizepräsident Rolf Lange bei seiner Eröffnungsrede


"Wird ein Gefühl zum Fakt erklärt, werden Lösungen auch immer nur gefühlte Lösungen bleiben" – Christoph Minhoff


BLL-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff schloss mit der Keynote zur ersten Diskussionsrunde an, in der er den Zuhörern zunächst vor Augen führte, zu welchen Effekten Werbeverbote in anderen Bereichen, wie z. B. der Politik in Wahlkampfzeiten, führen würden – nämlich zu weißen Wahlplakate ohne Aussagen und Erkennung der Parteizugehörigkeit.

BLL-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff stimmt mit seiner Keynote auf die erste Diskussionsrunde ein. Vergrößern


Dann ging es vor allem um viel „Gefühl“, denn Minhoff konstatierte: „Wir sind zu einer Öffentlichkeit geworden, in der Gefühle Fakten ersetzen, weil Gefühle Emotionen sind und Fakten Spaßkiller. Aber, wenn Gefühle zu Fakten werden und Politiker diesen Gefühlen folgen, führt das zu einer gefährlichen Politik, denn anders gesagt, wird ein Gefühl zum Fakt erklärt, werden Lösungen auch immer nur gefühlte Lösungen bleiben und bringen faktisch kein Ergebnis. Hier muss guter Qualitätsjournalismus gegensteuern.“

Download Keynote Christoph Minhoff

Werbung und Journalismus – über den Sinn und Unsinn von Werbeverboten


Über Fakten und Gefühle diskutierte dann die erste Podiumsrunde unter der Leitung von Moderator Dr. Helmut Reitze zum Thema „Werbung und Journalismus – über den Sinn und Unsinn von Werbeverboten“ mit Marlene Mortler (Drogenbeauftragte der Bundesregierung), Andreas F. Schubert (Präsident Zentralverband der Deutschen Werbewirtschaft), Claudia Stein (stellvertretende Leiterin Business and Sales Super RTL), Armin Valet (Referent Öffentlichkeitsarbeit Verbraucherzentrale Hamburg) und Christoph Minhoff.



Mortler erklärte zu Beginn, dass Werbung zwar normaler Bestandteil der freien Marktwirtschaft sei, aber die Rechte der Produzenten nicht über allem stehen würden: „Wenn es um gesundheitlichen Verbraucherschutz geht, verstehe ich keinen Spaß.“ Sie betonte aber auch, dass sie zwischen Tabak und Lebensmitteln differenziere und eine mögliche Zuckersteuer für „Quatsch“ halte. Schubert konterte zum Thema Tabak, dass es sich bei Werbeverboten legaler Produkte um einen ordnungspolitischen Supergau handelt und man stattdessen mehr in Bildung und Aufklärung investieren müsse.


Armin Valet konterte vor allem den Thesen von Christoph Minhoff und gab zu Bedenken, dass Fakten immer interessengesteuert seien und Werbung nur Gefühle anspreche: „Und dann soll der Verbraucher rational entscheiden? Das ist Doppelmoral. Die Lebensmittelbranche muss auch einen Beitrag leisten, nicht nur die Eltern.“

"Die Werbe-Selbstregulierung der Branche funktioniert" – Claudia Stein, Super RTL


Dazu warf Claudia Stein in die Runde, dass die Selbstregulierung der Branche im Bereich der Werbung für Kinder unter zwölf Jahren zumindest für ihren Sender deutlich greife: „Lediglich zehn Prozent der Werbeeinnahmen bei Super RTL kommen durch Lebensmittelhersteller. Gäbe es nur noch Werbeverbote, gäbe es Super RTL nicht."



Minhoff schloss die Runde schließlich mit dem Statement, dass die Branche im Dialog sei und versucht vieles zu ändern, „aber echte Lösungen und keine gefühlten.“

Augstein und Blome und weiter



Nach der gewohnt spritzigen und pointierten Diskussionsanalyse von Jakob Augstein und Nikolaus Blome, die sich zum einen fragten, ob es nicht auch das Recht gäbe, sich selbst zu schädigen und feststellten, dass für sie Gefühle und Fakten immer zusammen gehören, ging es weiter mit der Keynote von Professor Dr. Beate Jochimsen (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin) zum Thema „Markt und Regulierung – wer sind die, die uns vorschreiben, was gut für uns ist?“.

Markt und Regulierung – wer sind die, die uns vorschreiben, was gut für uns ist?


Die zweite Panelrunde mit Dr. Christian von Boetticher (Geschäftsführer Peter Kölln GmbH), Jan Fleischhauer (Journalist und Autor), Bärbel Höhn (Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit) und Prof. Dr. Beate Jochimsen diskutierte über das Verbraucherleitbild und die Regulierungswut.

Panel 2: Jan Fleischhauer, Bärbel Höhn, Dr. Christian von Boetticher, Dr. Helmut Reitze, Prof. Dr. Beate Jochimsen (v.l.n.r.) Vergrößern


Bärbel Höhn meinte: „Es gibt verschiedene Interessen, der Staat achtet auf die Gesundheit der Menschen, die Industrie auf volkswirtschaftliche Belange – da muss dann eine Balance gefunden werden und zwar auch durch Regulierung“. Sie sei aber nicht für Verbote, sondern lediglich für klare Regeln. Von Boetticher entgegnete, dass die Politik zuweilen wenig rational und faktenbasiert reagiere, gerade im Hinblick auf Medien und Öffentlichkeit: „Die Wahrheit steckt immer in der Mitte.“ Auch Jan Fleischhauer sieht mit Bedenken, dass die Politik heutzutage eher vom verletzlichen Verbraucher ausgehe: „Der Verbraucher ist aus Sicht der Politik quasi ein Mängelwesen. Er isst das falsche und fällt auf alles rein. Wir brauchen eine Holzspielrichtlinie und eine Bildungsquote fürs Fernsehen – was kommt da noch?“. Prof. Jochimsen ergänzte, dass das Verbraucherbild auch immer davon abhängig sei, welche Parteien das Land regieren würden.

Neue Wege in die Öffentlichkeit – wie werden Stories geboren?


Nach der Mittagspause gelang Roland Tichy (Publizist und Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung) mit seiner Keynote als Impuls für die letzte Diskussionsrunde über „Neue Wege in die Öffentlichkeit – wie werden Stories geboren?“ der spannende Auftakt zum dritten Teil des Mediendialogs.

Panel 3: Martin Brüning, Hendrik Haase, Karsten Lohmeyer, Dr. Helmut Reitze, Roland Tichy (v.l.n.r.) Vergrößern


Es diskutierten mit ihm auf dem Podium Martin Brüning (Leiter Unternehmenskommunikation REWE Group), Hendrik Haase (Foodaktivist und Unternehmer) und Karsten Lohmeyer (Chief Content Officer The Digitale GmbH). Letzt genannter erläuterte als Antwort auf die Titelfrage, dass Stories immer noch gleich entstehen, dass sich jedoch verändert habe, wie sie verbreitet werden: „Jeder Mensch ist zum Publizisten geworden. Es gibt keine klassischen Gatekeeper mehr, die entscheiden, was der Leser wissen darf. Ein kleiner Tweet kann eine Story auslösen, aber die Story an sich wäre auch auf anderen Wegen bekannt geworden. Twitter führt dazu, dass es schneller ist.“

"Es gibt eine Sehnsucht nach Geschichten, aber nach realen Geschichten und nicht nach Werbestories" – Hendrik Haase


Hendrik Haase betonte, dass es eine Sehnsucht nach Geschichten gäbe, aber nach realen Geschichten und nicht nach Werbestories: „Menschen wollen reale Bilder wie von der Schlachtung sehen und ich biete sie ihnen. Die Wirtschaft hat das versäumt, sie haben diese Bilder nicht mehr gebracht“. Martin Brüning berichtete aus Erfahrung der REWE Group, dass Konsumenten vor allem schnelle Antworten auf Ihre Fragen erwarten und dass sie ein Gesicht brauchen für die Glaubwürdigkeit. Auf die Abschlussfrage von Moderator Dr. Helmut Reitze, woher Inhalte für gute Stories kommen erklärte Roland Tichy, dass es sich dabei um Echoräume handelt, die durch Interesse der Menschen entstehen, speziell dann, wenn viele darüber reden: „Der Echoraum war bisher ein Konstrukt der Journalisten, aber jetzt wird er von der Basis, von allen Aktiven, mitbestimmt.“

Der Mediendialog Lebensmittel ging zu Ende mit der Feststellung von Nikolaus Blome, dass eine gute Story aus dem Bauch komme, durch den Kopf gehe und dann veröffentlicht wird: „Eine faktenreiche Story muss man auch erzählen können. Und Neugier ist kein Faktum, sondern ein Gefühl.“

Fotos zum 3. Mediendialog Lebensmittel




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