16.01.2018 | Veranstaltung

Bonner Empfang 2018: Absage an Hygiene-Ampel, Offenheit für Dialog

Blick auf Schwerpunkte der Politik von NRW bis EU
Christoph Minhoff, BLL-Hauptgeschäftsführer, Prof. Dr. Tilman Mayer, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn, Stephan Nießner, Präsident des BLL, und Staatssekretär Dr. Heinrich Bottermann, Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen Vergrößern
Der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft BLL hat seinen traditionellen Bonner Empfang am 12. Januar genutzt, gemeinsam mit Dr. Heinrich Bottermann, Staatssekretär im Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerium des Landes Nordrhein-Westfalen, und Prof. Dr. Tilman Mayer von der Universität Bonn einen Blick auf Schwerpunkte und Herausforderungen für die Politik 2018 zu werfen.

BLL-Präsident Stephan Nießner übte in seiner Ansprache Kritik an kürzlich geäußerten Forderungen von Gesundheits- und Kampagnenorganisationen, die sich gegen die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung des Einzelnen richten und einen „unerbittlichen Wunsch nach staatlicher Regulierung und Zwang“ zeigen. Forderungen von Werbebeschränkungen für Bier, Süßigkeiten und „Junk Food“ durch der Weltgesundheitsorganisation WHO wies Nießner mit dem Hinweis zurück, dass Werbung für Kinder bereits klar geregelt sei: „Nicht Werbespots machen Kinder dick, sondern eine unausgewogenes Verhältnis von Kalorienaufnahme und Verbrauch“.



Keine einfachen Lösungen für komplexe Probleme


Vorschläge wie eine „gesunde Mehrwertsteuer“, d.h. einen erhöhten Mehrwertsteuersatz auf als „ungesund“ interpretierte Produkte, wie sie jüngst Diabetesverbände gefordert hatten, hätten allein das Ziel „mediale Aufmerksamkeit zu erregen und politischen Druck auszuüben“. Statt vermeintlich einfacher Lösungen für komplexe Probleme seien hingegen differenzierte Herangehensweisen gefordert: So handele es sich bei Adipositas um eine Problematik, die nur gesamtgesellschaftlich zu lösen sei. Die Lebensmittelhersteller tragen zur Lösung bei, indem sie ein breites Sortiment für jeden Lebensstil anbieten und die Inhalts- und Nährwertinformationen klar in der Nährwerttabelle auszuweisen hätten.

Finanzierungsmodell für Pflichtkontrollen überarbreiten


Die Finanzierung von amtlichen Regelkontrollen durch die Lebensmittelwirtschaft bezeichnete Nießner als nicht akzeptable Zusatzbelastung. Zu Recht habe laut Nießner bezüglich der Kostenfreiheit der amtlichen Regelkontrollen über Jahrzehnte ein politischer Konsens zwischen Bundesländern und Lebensmittelwirtschaft bestanden. Verständlicherweise habe es deshalb eine Reihe von Klagen gegeben. „Wir appellieren an die Nordrhein-Westfälische Landesregierung, diese Einführung wieder rückgängig zu machen. Ähnlich, wie Sie es auch richtigerweise für die Hygiene-Ampel vorgesehen haben.“



Geeint in Vielfalt, auch bei Lebensmitteln


In seiner Rede verwies BLL-Präsident Nießner zudem auf einen Grund zu feiern: Denn der europäische Binnenmarkt werde dieses Jahr 25 Jahre jung. „Und ich sage feiern, weil wir alle von diesem Binnenmarkt profitieren“, so Nießner. „Die einheitlichen gesetzlichen Regelungen und freien Grenzen ohne Zölle ermöglichen es der Lebensmittelwirtschaft Rohstoffe gleichbleibender Qualität zu fairen Preisen zu beziehen und größere Absatzmärkte zu generieren.“ Das sichere Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft. Und: „Die europäischen Verbraucherinnen und Verbraucher profitieren von einer geschmacklichen Vielfalt über Ländergrenzen hinweg und von europaweit sicheren und hochwertigen Lebensmitteln.“

Binnenmarkt, aber keine Gleichmacherei


Nießner äußerte sich auch zu der Diskussion um angeblich doppelte Qualitätsstandards (Dual Quality) und ein Ost-West-Gefälle in Europa: „Es gibt und gab schon immer Rezepturunterschiede innerhalb Europas, aber das hat nichts mit unterschiedlichen Qualitäten, sondern beispielsweise mit unterschiedlichen Geschmackspräferenzen zu tun. Auch eine Anpassung der Produkte an das Angebot der Wettbewerber oder unterschiedliche Preisniveaus sind Gründe für Rezepturabweichungen.“ Entscheidend sei, dass überall dieselben Regelungen und Anforderungen an die Lebensmittelsicherheit gelten.

Absage an Hygiene-Ampel, Zusage für Zusammenarbeit


Staatssekretär Dr. Heinrich Bottermann vom Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) sagte eine enge Zusammenarbeit seines Hauses mit dem BLL und der Lebensmittelwirtschaft zu. Der Hygiene-Ampel in NRW erteilte er eine Absage: „Die Hygiene-Ampel liefert nur scheinbare Transparenz.“ Stattdessen wolle man gemeinsam mit der Lebensmittelwirtschaft ein praktikables Modell erarbeiten, bei welchem Betriebe die Möglichkeit erhalten, auf freiwilliger Basis ihre Überwachungsergebnisse zu kommunizieren. Auch hinsichtlich der Frage nach Gebühren für nicht anlassbezogene Regelkontrollen zeigte sich Dr. Bottermann gesprächsbereit: „Wir müssen darüber sprechen, wie wir für beide Seiten hier eine Erleichterung schaffen können“.

Staatssekretär Dr. Heinrich Bottermann, Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen, gab einen Ausblick auf die Politikschwerpunkte seines Hauses 2018. Vergrößern


Erweiterte Strategien bei Lebensmittelsicherheit


Generell unterstrich Dr. Bottermann die Notwendigkeit für neue Strategien im Bereich der Lebensmittelsicherheit: „Die Menschen müssen vertrauen können. Aber Vertrauen allein reicht nicht, sondern wir brauchen eine hohe Qualität der Überwachung, moderne Apparaturen und Ansätze wie zum Beispiel die Non-Target-Analyse, mit der man möglichst auch unbekannte Stoffe identifizieren und quantifizieren kann“.

Pointierte Politikbeobachtung zum Abschluss


Professor Dr. Tilman Mayer vom Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn verlies in seinem Vortrag den Lebensmittelsektor und gab einen generellen Überblick über die politische Situation in Deutschland seit der Bundestagswahl. Dazu analysierte er auf unterhaltsame Weise das Vorgehen der Parteien während der Sondierungsgespräche sowie das Verhalten einzelner Beteiligter in den sozialen Netzwerken und gegenüber der Presse.

Prof. Dr. Tilman Mayer, Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn, mit einem pointierten Überblick über die aktuelle politische Situation. Vergrößern


BLL/AgE

Druckansicht
Artikel bewerten

Das könnte Sie auch interessieren:

  • Kennzeichnung
    Nährwert-Label erklärt: Was zeigen Nutri-Score, Torten-Modell & Co? (Video)
    Vier Modelle gehen in Verbraucherforschung
  • Politik
    Klimawandel, Ernährung, Netzkultur: Was bewegt die Generation Y?
    Politik-Nachwuchs Ricarda Lang und Konstantin Kuhle diskutieren im „Küchenkabinett“
  • Digitalisierung
    Gesundes Aufwachsen im digitalisierten Alltag
    peb-Kongress diskutierte Chancen und Herausforderungen
  • Digitalisierung
    Die Ära der Immersion: Sieht so die Zukunft unserer Kinder im Jahr 2040 aus?
    Interview mit Zukunftsforscher Prof. Peter Wippermann
  • Veranstaltung
    Alge trifft Hanf: "Wie schmeckt die Zukunft?" auf der Internationalen Grünen Woche 2019
    Die Highlights im Rückblick
  • Politik
    Bonner Empfang: „Unsere Zukunft und die unserer Kinder muss Europa heißen“
    Mit Blick auf Wahljahr klares Bekenntnis zu Europa gefordert

Aktuell

  • Politik

    Gemeinsam für ein Europa der Vielfalt: Erwartungen an die EU-Insitutionen

    Gemeinsam für ein Europa der Vielfalt: Erwartungen an die EU-Insitutionen Das erwartet die deutsche Lebensmittelwirtschaft von den EU-Institutionen und neu gewählten Abgeordneten in der Legislaturperiode bis 2024.
    Mehr ...
  • Kennzeichnung

    Nährwert-Label erklärt: Was zeigen Nutri-Score, Torten-Modell & Co? (Video)

    Nährwert-Label erklärt: Was zeigen Nutri-Score, Torten-Modell & Co? (Video) Das Bundesernährungsministerium hat die angekündigte Verbraucherforschung für ein Label zur vereinfachten Nährwertkennzeichnung gestartet. Vier Modelle gehen in die Umfrage. Wir erklären sie im Video.
    Mehr ...

Meistgelesen

  • Kennzeichnung

    Lebensmittelinformations-Verordnung

    Die LMIV stellt sicher, dass die Hersteller europaweit einheitliche und klare Vorgaben zur Kennzeichnung haben und dass Verbraucher beim Lebensmittelkauf umfassend informiert werden.
    Mehr ...
  • Zusatzstoffe

    Liste der Zusatzstoffe und E-Nummern

    In diesem Artikel sind alle Zusatzstoffe mit E-Nummern aufgelistet, die Lebensmitteln zugesetzt werden dürfen.
    Mehr ...
  • Nahrungsergänzung

    Gesetzliche Regelungen für NEM

    Verbraucher können ihr jeweils passendes Nahrungsergänzungsmittel aus einer großen Vielfalt legaler, sicherer, hochwertiger Produkte auswählen. Dafür sorgen gesetzliche Regelungen. Hier die wichtigsten.
    Mehr ...
zum Lebensmittelmagazin

Noch mehr zu Lebensmitteln & Ernährung: Besuchen Sie unser Online-Magazin lebensmittelmagazin.de

Zum Magazin ...

Presse Presse

  • Pressemitteilung

    Rechtlicher Rahmen für Verwendung von reinheitsbezogenen Aussagen ausreichend

    Kommentar vom Lebensmittelverband Deutschland zu den Studienergebnisse zur Verwendung von Hinweisen wie „100 %“, „rein“ und „pur“ auf Lebensmitteln vom Projekt Lebensmittelklarheit.
    Mehr ...

Veranstaltungen Veranstaltungen

  • 11.09.2019

    6. Mediendialog Lebensmittel 2019

    „Algorithmen, Influencer & Co. – die Gesetze der digitalen Welt“. Darüber diskutieren unsere hochkarätigen Experten in zwei spannenden Diskussionsrunden.
    Mehr ...

Publikationen Publikationen

  • Nahrungsergänzungsmittel – die wichtigsten Fakten

    Nahrungsergänzungsmittel – die wichtigsten Fakten Informationen zu Nutzen, rechtlichen Vorgaben, Kennzeichnung und Sicherheit.
    Download PDF
  • Lebensmittel-Kennzeichnung verstehen

    Lebensmittel-Kennzeichnung verstehen Erklärung der Angaben auf der Verpackung (Zutaten, MHD, Menge und mehr).
    Download PDF
Facebook Twitter LinkedIn Youtube Instagram RSS-Feed