05.06.2019 | Zusatzstoffe

Was das Verbot von Titandioxid in Lebensmitteln mit Europa zu tun hat

In Frankreich dürfen Lebensmittel ab Januar 2020 kein Titandioxid als Zusatzstoff mehr enthalten.
Warum diese Entscheidung gegen den zugelassenen Lebensmittel-Zusatzstoff E 171 wissenschaftlich nicht haltbar ist, sondern politische Hintergründe hat und welche Auswirkungen das Verbot auf Europa hat, erklärt Dr. Sieglinde Stähle aus der Wissenschaftlichen Leitung des BLL.

Der europäische Binnenmarkt steht für Sicherheit und Vielfalt, denn durch gemeinsam abgestimmte, europaweit geltende Regelungen ist gewährleistet, dass Konsumenten überall in Europa von den gleichen hohen Sicherheitsstandards für Lebensmittel profitieren. Für die Unternehmen ist sichergestellt, dass durch gleiche Anforderungen Produkte europaweit vermarktet werden können.

Zusatzstoffe sind europaweit gleich geregelt


Diese gesetzlichen Regelungen hinsichtlich der Lebensmittelsicherheit gelten auch für Zusatzstoffe. Die wissenschaftsbasierte Risikobewertung von Zusatzstoffen wird in der EU zentral von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) durchgeführt, für das Risikomanagement ist die Europäische Kommission zuständig.

Titandioxid – Zusatzstoff oder „Nano“?


Titandioxid ist ein zugelassener Lebensmittel-Zusatzstoff, der als weißer Farbstoff eingesetzt wird, z. B. als Überzug bei Schokolinsen oder Kaugummidragees. Der Stoff ist nicht wasserlöslich, sondern verteilt sich in sehr feinen Partikeln im Produkt. Es wird darüber diskutiert, ob Titandioxid als technisch hergestelltes Nanomaterial angesehen werden müsste. Als Nanomaterial gelten Stoffe, die einen bestimmten Anteil an „Nanopartikel“ (< 100 nm) aufweisen und besondere – von den Nanopartikeln ausgehende – Eigenschaften haben. Solche Stoffe müssen als Lebensmittelzutaten zusätzlich gekennzeichnet werden. Bei Titandioxid ist noch nicht klar, wie die Partikelverteilung genau aussieht – das ist nicht einfach zu messen. Vor diesem Hintergrund ist der Erlass zum Verbot von Titandioxid durch die französische Regierung vom 25. April 2019 zu sehen, wonach Lebensmittel mit dem Zusatzstoff E 171 ab Januar 2020 zunächst für ein Jahr vom französischen Markt verschwinden müssen. Eine anerkannte wissenschaftliche Begründung gibt es dafür nicht, denn die Studie, die Frankreich zur Sicherheitsfrage von Titandioxid vorbringt, wurde von der EFSA längst wiederlegt.

Motivation der französischen Regierung


Warum handelt die französische Regierung dennoch derart antieuropäisch in diesem Fall? Frankreichs Sorge gilt nicht der Volksgesundheit, sondern den NGOs, insbesondere den Nanotechnologie-Skeptikern und Gegnern von „Nano“ in Lebensmitteln. Am Beispiel von Titandioxid soll politischer Druck aufgebaut werden mit dem Ziel, Nanomaterialen umfassender zu definieren und die Vorschriften zur Kennzeichnung zu verschärfen.

Nationaler Alleingang schädigt Binnenmarkt


Das wissenschaftlich nicht begründbare Verbot in Frankreich wird für den Binnenmarkt erhebliche ökonomische Folgen haben. Der Erlass sieht keine Anerkennungsklausel für Produkte aus anderen Mitgliedsstaaten vor; auch sind keine Export-, Übergangs- oder Abverkaufsregelungen getroffen worden. Das heißt, auch rechtmäßige Lebensmittel aus anderen europäischen Ländern, die Titandioxid enthalten, dürfen nächstes Jahr in Frankreich nicht verkauft werden. Was können Hersteller tun? Die komplette Produktion umstellen und einen Ersatz finden oder die Verluste aus den nicht mehr vorhandenen Absatzmöglichkeiten in Frankreich hinnehmen? Beides sehr kostenintensive Wege, die zeigen, dass Frankreich hier einen unverhältnismäßigen Markteingriff vorgenommen hat.

Nationaler Alleingang stellt die europaweit geltende Sicherheitsstandards in Frage


Das einseitige Aussetzen der Verwendung eines gemeinschaftlich zugelassenen, als sicher anerkannten Zusatzstoffs durch einen Mitgliedstaat hat beträchtliche Folgen für das Ansehen und den Stellenwert der EFSA. Das Vertrauen in die europäischen Zulassungsregelungen, mehr noch, in das gesamte Konzept der Lebensmittelsicherheit, wird in ganz Europa schwer beschädigt. Vor dem Hintergrund, dass es hier aber gar nicht um eine Sicherheitsfrage, sondern um eine politische Frage geht, ist dies umso schwerwiegender und sollte unterbunden werden.

Was wird geschehen?


Am Zug sind nun die Mitgliedstaaten und die Europäische Kommission. Deshalb hat der BLL die Bundesregierung aufgefordert, sich deutlich pro europäisch zu positionieren und die Kommission beim Vorgehen gegen Frankreich zu unterstützen. Wenn die Kommission nicht massiv durchgreift und Frankreich zur Rücknahme zwingt, treten die befürchteten Folgen ein und ein weiterer bedauerlicher Schritt zur Demontage des einheitlichen Verbraucherschutzes in Europa. Doch die Kommission wartet derzeit auf die weiteren Studien.
Druckansicht
Artikel bewerten

Das könnte Sie auch interessieren:

  • Zusatzstoffe
    Enthalten Produkte mit den Hinweisen „ohne Farbstoffe“ oder „ohne Geschmacksverstärker“ stattdessen einfach andere Zusatzstoffe?
  • Bio-Lebensmittel
    Stimmt es, dass Bio-Lebensmittel keine Zusatzstoffe enthalten dürfen?
  • Zusatzstoffe
    Ein Schulbesuch in Deutschlands goldener Mitte
    Zusatzstoffe als Thema der Ernährungsbildung
  • Zusatzstoffe
    Stimmt es, dass fertig verpackte schwarze Oliven mit Zusatzstoffen wie Eisen-II-Gluconat (E579) oder Eisen-II-Lactat (E585) gefärbt sind?

Aktuell

  • Kennzeichnung

    Umfrage zu Nährwert-Label: Nutri-Score fällt bei deutschen Verbrauchern durch

    Umfrage zu Nährwert-Label: Nutri-Score fällt bei deutschen Verbrauchern durch Das Institut Allensbach hat die deutsche Bevölkerung repräsentativ zur Verständlichkeit von zwei Nährwert-Labels befragt. Dabei unterliegt der Nutri-Score klar dem Modell des Lebensmittelverbands.
    Mehr ...
  • Hygiene

    „Coffee to go“ in mitgebrachten Bechern: Merkblatt zur Hygiene veröffentlicht

    „Coffee to go“ in mitgebrachten Bechern: Merkblatt zur Hygiene veröffentlicht Für den Umgang mit mitgebrachten Coffe-to-go-Bechern gibt der Lebensmittelverband ein Merkblatt heraus. Dieses ist nun in der 2. Auflage veröffentlicht.
    Mehr ...

Meistgelesen

  • Zusatzstoffe

    Liste der Zusatzstoffe und E-Nummern

    In diesem Artikel sind alle Zusatzstoffe mit E-Nummern aufgelistet, die Lebensmitteln zugesetzt werden dürfen.
    Mehr ...
  • Kennzeichnung

    Lebensmittelinformations-Verordnung

    Die LMIV stellt sicher, dass die Hersteller europaweit einheitliche und klare Vorgaben zur Kennzeichnung haben und dass Verbraucher beim Lebensmittelkauf umfassend informiert werden.
    Mehr ...
  • Nahrungsergänzung

    Gesetzliche Regelungen für NEM

    Verbraucher können ihr jeweils passendes Nahrungsergänzungsmittel aus einer großen Vielfalt legaler, sicherer, hochwertiger Produkte auswählen. Dafür sorgen gesetzliche Regelungen. Hier die wichtigsten.
    Mehr ...
zum Lebensmittelmagazin

Noch mehr zu Lebensmitteln & Ernährung: Besuchen Sie unser Online-Magazin lebensmittelmagazin.de

Zum Magazin ...

Presse Presse

  • Pressemitteilung

    Klimapaket der Bundesregierung: Lebensmittelwirtschaft engagiert sich für Klimaschutz

    Philipp Hengstenberg, Präsident des Lebensmittelverbands Deutschland, begrüßt es sehr, dass die Bundesregierung dem Thema Klimaschutz die notwendige Bedeutung beimisst und entsprechende Maßnahmen vorlegt.
    Mehr ...

Positionen Positionen

  • Nahrungsergänzung

    Nahrungsergänzungsmittel müssen sicher sein!

    Der AK NEM distanziert sich von den in Beiträgen des Reporterteams Claudia Butter und Philipp Reichert gezeigten unseriösen und illegalen Praktiken.
    Mehr ...

Publikationen Publikationen

  • Nahrungsergänzungsmittel – die wichtigsten Fakten

    Nahrungsergänzungsmittel – die wichtigsten Fakten Informationen zu Nutzen, rechtlichen Vorgaben, Kennzeichnung und Sicherheit.
    Download PDF
  • Lebensmittel-Kennzeichnung verstehen

    Lebensmittel-Kennzeichnung verstehen Erklärung der Angaben auf der Verpackung (Zutaten, MHD, Menge und mehr).
    Download PDF
  • 10 Fragen & Antworten zum MHD

    10 Fragen & Antworten zum MHD Informationen zur Kennzeichnung der Haltbarkeit.
    Download PDF
Facebook Twitter LinkedIn Youtube Instagram RSS-Feed