21.07.2020 | Kennzeichnung

So will Foodwatch Verbraucherverwirrung zementieren

Aktuelle Kampagne der Campaigning-Organisation zum Nutri-Score
Der Nutri-Score steht europaweit in der Diskussion: Der Berechnungsalgorithmus führt in Teilen zu Bewertungen, die allgemeinen Ernährungsempfehlungen widersprechen, weshalb er verbessert werden soll. Eine Organisation sieht das anders und will Diskussionen über Anpassungen im Keim ersticken: Die Kampagnenorganisation Foodwatch. Hier Beispiele, die für Foodwatch nicht zu diskutieren sind.

Ende 2019 hatte der Lebensmittelverband Deutschland mit Blick auf ernährungswissenschaftliche, rechtliche und gesundheitspolitische Aspekte notwendige Rahmenbedingungen für die erfolgreiche Einführung des Nutri-Score auf freiwilliger Basis formuliert, diese dem Bundesernährungsministerium übermittelt und auch für jeden einsehbar veröffentlicht. Im Bereich Ernährung ging es darum, Widersprüche zu allgemeinen Ernährungsempfehlungen aufzulösen, z.B. mehr Pflanzenöle zu berücksichtigen, ungesättigte Fettsäuren zu berücksichtigen, Vollkornprodukte differenziert zu betrachten und energiefreie Getränke wie etwa ungesüßte Kräuter- und Früchtetees mit Wasser gleichzustellen. Diese Forderungen haben die Wissenschaftlerinnen des MRI grundsätzlich und weitgehend unterstützt, wie ein Schreiben zeigt. Und nicht nur in Deutschland haben Politik, Wissenschaft und Wirtschaft mit Blick auf allgemeine Ernährungsempfehlungen Anpassungsbedarf des Algorithmus erkannt. Auch in den Niederlanden hat die Regierung entschieden, den Nutri-Score erst zu empfehlen, wenn die entsprechenden Anpassungen erfolgt sind. Nachbesserungsbedarf wird auch in Spanien, Belgien, der Schweiz und auch in Frankreich selbst angemeldet.

Die Kampagnenorganisation Foodwatch hingegen arbeitet mit Hochdruck daran, Diskussionen über Anpassungen des Nutri-Score-Brechnungsalgorithmus an allgemeine Ernährungsempfehlungen im Keim zu ersticken. Dazu hat die Campaigning-Organisation eine neue Kampagne gestartet, die vom Lebensmittelverband Deutschland gegenüber dem Max-Rubner-Institut geäußerte Kritikpunkte – die diese in großen Teilen als ernährungsphysiologisch sinnvoll bestätigt hat – als bloße „Strategie“ und „unwissenschaftlich“ zu diskreditieren.

Diese 8 Beispiele zeigen Nutri-Score-Bewertungen nach dem bestehenden Algorithmus – Für Foodwatch kein Anlass zur Diskussion



Beispiel 1: Lachs
Fisch ist eine wertvolle Quelle für ungesättigte Fettsäuren. Deshalb sollte deren Gehalt bei der Bewertung auch berücksichtigt werden. Vergrößern



Beispiel 2: Käse
Die DGE empfiehlt Milchprodukte wie Käse täglich zu verzehren. Sie sind u.a. eine wichtige Quelle für Protein und Calcium. Vergrößern



Beispiel 3: Olivenöl
Pflanzenöle sind für die Ernährung empfohlen. Dennoch hat ein Olivenöl wie dieses die Bewertung D. Vergrößern



Beispiel 4: Salat mit ungesättigten Fettsäuren
Der Salat hat nur 1,8 g gesättigte Fettsäuren. Das enthaltene Sonnenblumenöl bzw. die darin enthaltenen ungesättigten Fettsäuren sind innerhalb des Nutri-Score jedoch nicht anrechenbar. Vergrößern



Beispiel 5: Apfelkompott und Apfelsaft
Apfel pürieren oder pressen – das macht einen großen Unterschied in der Bewertung aus (2 Stufen). Vergrößern



Beispiel 6: Früchtetee
Ungesüßte Kräuter- und Früchtetees sind nach den 10 Regeln der DGE gegenüber Wasser nahezu gleichgestellt. Das sollten sie auch beim Nutri-Score sein. Vergrößern



Beispiel 7: Müsli mit hohem Ballaststoffanteil



Beispiel 8: Knäckebrot mit Kernen, Ölsaaten und Samen
Enthaltene Kerne, Ölsaaten und Samen sind im Nutri-Score nicht anrechenbar. Ebenfalls hier nicht der sehr hohe Proteinanteil. Vergrößern


Foodwatch tut so, als gäbe es eine deutsche Einflussnahme


Dabei scheint die Kampagnenorganisation die Diskussion um Anpassungen des französischen Systems, das auch in weiteren europäischen Ländern genutzt wird, allein national regeln zu wollen. Die wissenschaftliche Einschätzung des MRI wird von Foodwatch als abschließende Bewertung kommuniziert. Vom MRI als „ohne Handlungsbedarf“ bewertete Änderungsforderungen des Lebensmittelverbands bezeichnet Foodwatch als „unwissenschaftlich“. Änderungsforderungen, die das MRI als „ernährungsphysiologisch sinnvoll“ bezeichnet, spart Foodwatch sogar ganz in der Kampagne aus, da die Diskussion darüber wohl unbequem und mühsam ist und nicht zum Campaigning passt. Dabei darf nicht vergessen werden, dass der Nutri-Score ein französisches System ist und nur der Markeninhaber in Frankreich Änderungen vornehmen kann. Dies kann nicht in Deutschland geregelt werden.

Fazit: Wie Foodwatch Campaigning betreibt


Weder die deutschen Verbände der Lebensmittelwirtschaft, noch das BMEL, noch das MRI können den Nutri-Score-Algorithmus verändern. Gleichwohl wird von Foodwatch der Anschein erweckt, dem gehöre es Einhalt zu gebieten. Dazu versucht Foodwatch die offene Debatte über den Nutri-Score so darzustellen, als werde heimlich und im Hinterstübchen zwischen Lobby, Ministerium und MRI verhandelt. Und obwohl es das beschriebene Szenario gar nicht gibt, tut Foodwatch so, als herrsche Gefahr im Verzug. Die NGO erfindet ein nationales Geschehen und nationale Einflussmöglichkeiten, die es nachweislich nicht gibt, weil mögliche Optimierungen des Nutri-Score ein französischer und bald ein europäischer Prozess sind.

Übrigens: Dass Foodwatch in Kampagnen mit absichtlichen Auslassungen, Halbwahrheiten und auch Falschaussagen arbeitet, hat eine Analyse einer anderen Kampagne zu Pflanzenschutzmitteln erst kürzlich gezeigt (Hier nachzulesen).
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