08.11.2021 | Sicherheit

Pflanzenschutzmittelrückstände in Lebensmitteln – ein Problem für unsere Gesundheit?

Was können wir noch essen? Eine Analyse
Pflanzenschutzmittel dienen insbesondere dem Schutz von Kulturpflanzen vor Schaderregern und zur Sicherung des Ernteertrages in der Landwirtschaft. Vergrößern
Pflanzenschutzmittelrückstände in Lebensmitteln sind zwar unerwünscht, aber erlaubt, solange die Rückstandshöchstgehalte eingehalten werden. Stellen Pflanzenschutzmittelrückstände, in der öffentlichen Debatte auch häufig als „Pestizide“ bezeichnet, also wirklich eine Gefahr für die Gesundheit der Menschen dar? Wir geben die Antwort.

Was können wir eigentlich noch essen ohne uns zu vergiften? Diese Frage wurde letzte Woche medienwirksam gestellt. Die Antwort ist relativ einfach – alles, was Super- und Wochenmärkte hierzulande verkaufen, denn die Lebensmittel unterliegen ständigen strengen Kontrollen, sowohl im Unternehmen als auch seitens der Überwachung. Trotzdem gibt es immer wieder Versuche, dieses Sicherheitsprinzip in Frage zu stellen. Aktuell befinden sich Pflanzenschutzmittelrückstände in der Schusslinie.

Wofür brauchen wir Pflanzenschutzmittel?
Pflanzenschutzmittel dienen insbesondere dem Schutz von Kulturpflanzen vor Schaderregern und zur Sicherung des Ernteertrages in der Landwirtschaft. Bekämpft werden beispielsweise Schadinsekten (Insektizide), Schimmelpilze (Fungizide) und Unkräuter (Herbizide). Ziel ist die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte von hoher Qualität und großer Vielfalt zu akzeptablen Preisen. Für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gilt das notwendige Maß, das heißt, so viel wie nötig und so wenig wie möglich. Es werden vorher umfangreiche Untersuchungen durchgeführt, damit sie dem Menschen nicht schaden, und nur dann wird eine Anwendung zugelassen. Sie sind damit also auch keine Schadstoffe für den Menschen.

Gibt es weitere unerwünschte Stoffe in Lebensmitteln?
Von den Pflanzenschutzmittelrückständen zu unterscheiden sind übrigens sogenannte unerwünschte Stoffe (Kontaminanten). Als Kontaminanten werden Stoffe bezeichnet, die unbeabsichtigt in ein Lebensmittel gelangen. Es gibt verschiedene Arten von Kontaminanten.
  • Umweltkontaminanten werden aus der Umwelt (Luft, Wasser, Boden) in das Lebensmittel eingetragen (z. B. Dioxine, Schwermetalle wie Quecksilber).
  • Mykotoxine (Schimmelpilzgifte) und Pflanzentoxine (z. B. Pyrrolizidinalkaloide) sind natürliche Giftstoffe, die Lebensmittel kontaminieren können.
  • Sogenannte Prozesskontaminanten (z.B. Acrylamid, 3-MCPD-Fettsäureester) werden erst durch Bearbeitung und Verarbeitung in einem Lebensmittel gebildet.
  • Schließlich können Kontaminanten auch durch den Herstellungsprozess in das Lebensmittel eingetragen werden (z. B. Chlorat durch chloriertes Wasser).


Gibt es eine Risikobewertung für Pflanzenschutzmittel?
Für alle bewusst eingesetzten Stoffe in Lebensmitteln gibt es umfangreiche Risikobewertungen, dazu gehören z. B. Zusatzstoffe, Pflanzenschutzmittel sowie alle relevanten Kontaminanten. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und weitere ermitteln in aufwändigen Verfahren, welche Konzentrationen eines Stoffs in Lebensmitteln für Verbraucherinnen und Verbraucher sicher sind – und für die meisten Stoffe gilt der Satz von Paracelsus: Die Dosis macht das Gift. Es geht also nicht nur darum, ob ein Lebensmittel einen bestimmten Stoff enthält oder nicht enthält, sondern um die Mengen, die in dem Lebensmittel gefunden wurden –das ist der entscheidende Faktor, ob ein „Stoff“ dem Menschen schadet oder nicht.

Wie werden Rückstandshöchstgehalte festgelegt?
Ursprünglich ging es bei der Festlegung von Rückstandshöchstgehalten weniger um Verbraucherschutz, sondern darum, die Landwirte zu kontrollieren, ob sie Pflanzenschutzmittel auch gemäß der guten landwirtschaftlichen Praxis einsetzen. Und so werden Rückstandshöchstgehalte immer noch ermittelt: das Pflanzenschutzmittel wird in überwachten Feldversuchen auf die Kultur gesprüht, der höchste Rückstand wird ermittelt und das ist dann der Vorschlag für den Rückstandshöchstgehalt. Damit dem Verbraucherschutz auch genüge getan wird, wird geprüft, ob dieser Wert für die Verbraucherinnen und Verbraucher sicher ist – und wenn ja, ist dies der endgültige Rückstandshöchstgehalt. Dieser gilt für die Kultur nach der Ernte – mit Schale, ungewaschen.

Müssen Obst und Gemüse mit Natron gewaschen werden?
Viele Obst- und Gemüsearten werden direkt nach der Ernte gewaschen, bevor sie verpackt und verschickt werden, man kann Obst und Gemüse, auch Importwarte, also problemlos anfassen. Obst und Gemüse mit Natron und Essig zu waschen, bevor man es isst, ist übrigens überflüssig und auch nicht besonders „gesund“. Zum einen sind heißes Wasser und anschließendes Abrubbeln mit einem Tuch das Mittel der Wahl, zum anderen sollte auf Chemie wie Natron und Essig, die man dann ggf. mit isst, verzichtet werden.

Wie gefährlich ist importierte Ware aus Drittländern hinsichtlich der dort verwendeten Pflanzenschutzmittel?
Welche Pflanzenschutzmittel in einem Land verwendet werden dürfen, bestimmt jedes Land selbst – und das hängt auch von den angebauten Kulturen, den klimatischen Bedingungen und sonstigen Anbaubedingungen ab. In Drittländern werden z.T. Pflanzenschutzmittel gebraucht, die in der EU nicht gebraucht werden. Wenn ein Wirkstoff oder Mittel in der EU nicht zugelassen ist, heißt das nicht automatisch, dass es aus gesundheitlichen Gründen in der EU nicht zugelassen ist. Im Umkehrschluss dürfen Lebensmittel aus Drittstaaten aber auch nur dann in die EU importiert werden, wenn sie EU-Standards entsprechen. Für nicht in der EU zugelassene Pflanzenschutzmittel heißt das, auch ihre Rückstände müssen sicher sein und das wird zuvor durch die EFSA geprüft. Die Prüfung solch eines Importtoleranz-Antrags durch die EFSA dauert in der Regel ca. ein Jahr, ist also sehr aufwändig. Erst wenn die EU dann den Rückstandshöchstgehalt in das EU-Recht übernommen hat, können Lebensmittel mit diesem Rückstand in die EU importiert werden.

Gibt es weitere Eintragsquellen von Pflanzenschutzmittelrückständen?
Ja, zum Beispiel über das Rauchen. Denn auch auf den Tabakplantagen werden Pflanzenschutzmittel eingesetzt.

Ist Quecksilber im Fisch tatsächlich ein Problem?
Es ist richtig, dass große Raubfische hohe Quecksilber-Gehalte aufweisen, z.B. Haifisch, Schwertfisch aber auch Thunfisch. Quecksilber wird im Körper nur langsam abgebaut. Als Alternative sollte man auf die gängigen Fischarten wie z.B. Seelachs, Hering oder Scholle zurückgreifen, die niedrige Quecksilber-Gehalte aufweisen (https://www.lebensmittelverband.de/de/lebensmittel/sicherheit/unerwuenschte-stoffe-kontaminanten/quecksilber-in-fisch)

Ist „Bio“ die Lösung?
Häufig wird „Bio“ als Lösung und als besser für die Gesundheit benannt, da beim ökologischen Landbau nur wenige Pflanzenschutzmittel zugelassen sind. Aber welche Erzeugungsformen gibt es denn generell? Die Erzeugung, die der Natur am nächsten ist, ist die Jagd (Wildfleisch), der Wildfang (z. B. Fisch) oder die Wildsammlung (z. B. Kräuter, Pilze). „Wild“ ist nicht „Bio“, denn „Bio“ ist Landwirtschaft und damit eine Anbauform. Bei den Anbauformen wird grob zwischen „Bio“ und „Konventionell“ unterschieden.
Beim Bio-Anbau pflanzlicher Lebensmittel dürfen keine „chemisch synthetischen“ Pflanzenschutzmittel und keine Mineraldünger eingesetzt werden. Biologische Pflanzenschutzmittel (z. B. Bakterien- oder Virenlösungen) und Wirkstoffe „natürlichen Ursprungs“ dürfen aber sehr wohl eingesetzt werden. Wer also keine oder möglichst wenig Pflanzenschutzmittelrückstände in seinen Lebensmittel haben will, sollte also „Bio“ kaufen. „Bio“ kann aber nicht alles. Im Falle von Kontaminanten gibt es bei „Bio“ und konventionell in der Regel keine Unterschiede, was heißt, Bio ist nicht gleich „schadstofffrei“. Das liegt daran, dass es sich bei Kontaminanten um Stoffe handelt, die unbeabsichtigt in Lebensmittel gelangen – und solche Stoffe muss man in geringen Mengen in Lebensmitteln – egal, ob wild, Bio oder konventionell eben auch tolerieren.

Können wir uns alle von „Bio“ ernähren?
Beim Bio-Anbau sind die Erträge in der Regel niedriger und die Ernteverluste höher, somit braucht es deutlich mehr Anbaufläche, um die gleiche Menge an Lebensmitteln zu erzeugen – und die hat unser Planet nicht. Vielmehr sollen laut Green Deal weitere Flächen unter Schutz gestellt werden, was heißt, dass sie für die Landwirtschaft nicht länger nutzbar sind. Die Produktion von Bio-Lebensmitteln ist aufwändiger und wird damit vermutlich auch immer teurer sein als die konventionelle Produktion – und da hilft dann nur der Königsweg: bewusst essen und genießen!
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