„Zukunft schmeckt“ – Politik und Wirtschaft im Dialog auf der Grünen Woche
Bei seinem Besuch am Stand zeigte sich der Bundeskanzler beeindruckt von der Bedeutung der Branche. Mit farbigen Containern veranschaulichte Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) und des Lebensmittelverbands Deutschland, die Dimension der deutschen Lebensmittelindustrie: Jeder Container stand symbolisch für eine Million Tonnen Lebensmittel und Getränke. In ihrer Gesamtheit repräsentierten sie die rund 124 Millionen Tonnen, die die deutsche Ernährungsindustrie jährlich produziert. Rund 44 Millionen Tonnen davon gehen in den Export. Minhoff nutzte diesen Moment für eine klare Botschaft: Dieser Wirtschaftsmotor – der drittgrößte Industriezweig Deutschlands nach Umsatz – müsse gestärkt werden, statt ihn durch zusätzliche Bürokratie und Belastungen auszubremsen.
Der Grundton war bereits bei der Eröffnungspressekonferenz gesetzt worden. „100 Jahre Grüne Woche zeigen, dass alle Krisen einen Ausweg finden“, betonte Minhoff. Die Ernährungswirtschaft bleibe trotz globaler Unsicherheiten auf Wachstumskurs, sei international wettbewerbsfähig und trage Verantwortung für die Versorgungssicherheit. Zugleich begrüßte er den wieder intensiveren Dialog zwischen Politik und Wirtschaft.
Begegnungsort für Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit
Vom 16. bis 25. Januar wurde der gemeinsame Stand der BVE und des Lebensmittelverbands unter dem Motto „Zukunft schmeckt“in Halle 3.2 zu einem lebendigen Treffpunkt der Branche. Gekocht, probiert und diskutiert wurde vor Publikum. Sichtbar wurde dabei, welche Themen die Branche aktuell bewegen und wie eng wirtschaftliche Stabilität, politische Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Erwartungen miteinander verknüpft sind.
Das Programm umfasste Kochshows mit den Teams von Daniel Schade und Sebastian Morgenstern sowie Talks und Diskussionsformate, moderiert von Kai Völker (Hessischer Rundfunk) und Sonja Meise (Foodnews Germany). Thematisiert wurden unter anderem nachhaltige Landwirtschaft, die Herkunft von Rohstoffen, Markenwandel, Herausforderungen der Arbeitswelt und Innovationen. Ergänzt wurde das Programm durch Beiträge von Verbänden sowie ein Start-up-Wochenende mit jungen Unternehmen aus der Lebensmittelwirtschaft. Als Partner waren zudem McDonald’s Deutschland und die Zur Mühlen Gruppe vor Ort und brachten ihre Expertise aktiv in den Austausch ein.
© Tobias Rücker
Die politische Resonanz war außergewöhnlich hoch. Insgesamt besuchten mehr als 100 politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger den Stand. Darunter waren Bundeskanzler Friedrich Merz, Außenminister Johann Wadephul, Bundesminister Alois Rainer sowie seine Staatssekretärinnen Martina Engelhardt-Kopf und Silvia Breher und Staatssekretär Prof. Dr. Markus Schick, die EU-Kommissare Christophe Hansen und Oliver Várhelyi, zahlreiche Bundestagsabgeordnete, Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies sowie mehrere Landesministerinnen und -minister, darunter Cornelia Schmachtenberg, Hanka Mittelstädt, Colette Boos-John und Peter Hauk. Der Stand etablierte sich damit als fester Gesprächsort für Themen wie Wettbewerbsfähigkeit, Export, Bürokratieabbau, Fachkräftegewinnung und Versorgungssicherheit.
Ernährung als Teil der Krisenvorsorge
Schon am ersten Messetag wurde deutlich, dass Ernährung längst auch ein sicherheitspolitisches Thema ist. Am Stand diskutierten Alois Rainer, Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner und Messechef Mario Tobias über Notfallversorgung. Aus Ein-Personen-Paketen mit rund 2.600 Kilokalorien bereiteten die Köche unter anderem Mousse au Chocolat, Currywurst und Erbseneintopf zu.
© Tobias Rücker
Rainer würdigte den Ansatz ausdrücklich: „Großes Kompliment und herzlichen Dank, dass Sie das Thema Notfallversorgung auf der Grünen Woche aufgreifen. Als ich im Sommer darüber gesprochen habe, wurde ich ein Stück weit belächelt. Aber es ist ein Thema.“ In Zeiten multipler Krisen wird Resilienz zur strategischen Notwendigkeit. Der Minister kündigte an, die Ernährungsnotfallreserve aus den 1960er Jahren weiterzuentwickeln. BVE und Lebensmittelverband werden das Thema am 24. März beim Forum „Crisis proof“ vertiefen.
Nachhaltigkeit beginnt vor dem fertigen Produkt
Nach dem politischen Auftakt rückten die Unternehmen stärker in den Fokus. Gemeinsam mit Nestlé wurde diskutiert, wie Rohstoffe künftig gesichert werden können, ohne Böden, Biodiversität und Betriebe zu überfordern. Im Mittelpunkt standen langfristige Partnerschaften mit Landwirtinnen und Landwirten, Bodenschutz sowie die Abhängigkeit globaler Lieferketten von stabilen regionalen Strukturen.
© Tobias Rücker
Sehr konkret wurde das Thema Herkunft bei McDonald’s Deutschland. Die häufig gestellte Frage nach dem Rindfleisch wurde offen beantwortet: 100 Prozent stammen aus Deutschland. Grundlage ist das Best-Beef-Programm mit klar definierten Standards und langfristigen Lieferbeziehungen. Deutlich wurde, dass Qualität und Verantwortung auch in der Systemgastronomie vereinbar sind.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgte das Fisch-Informationszentrum. Sternekoch Kenneth Gjerrud begeisterte mit Smørrebrød, Skrei und Matjes. Julia Steinberg-Böthing gab Einblicke in den deutschen Fischmarkt. Zahlen, Herkunft und Siegel wurden bewusst mit Genuss verbunden.
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Markenentwicklung zwischen Genuss und Verantwortung
Genuss, Markenverantwortung und moderne Arbeitswelten standen im Fokus bei Mondelēz International. Das Unternehmen verwandelte den Stand in eine Snacking-Erlebniswelt. Besucher konnten sich mit der Milka-Kuh fotografieren lassen, Oreos am Schokobrunnen dekorieren und prämierte Cheesecake-Kreationen probieren. Ergänzt wurde das Erlebnis durch Einblicke in Produktion, Unternehmenskultur und nachhaltige Rohstoffbeschaffung. Als besonderes Highlight überreichte das Unternehmen 100 exklusive Milka-Jubiläumstafeln an Messechef Lars Jäger – zwei Traditionsmarken feiern gemeinsam.
© Tobias Rücker
Auch The Coca-Cola Company nutzte den Stand, um den Wandel des eigenen Portfolios zu zeigen. Zero-Produkte sind längst Mainstream, das Angebot reicht weit über klassische Cola hinaus, und Marken wie Mezzo Mix stehen für lokale Verwurzelung in globalen Strukturen. Nachhaltigkeit ist dabei integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie – von Verpackung bis Logistik.
© Tobias Rücker
Capri Sun gab Einblicke in die Erfolgsgeschichte des Kultgetränks und zeigte, dass Innovation oft im Detail liegt. Im Mittelpunkt stand unter anderem die Verpackung, die rund 33 Prozent weniger CO₂ verursacht und etwa 80 Prozent weniger Plastik benötigt als eine vergleichbare PET-Flasche. Besucher konnten selbst erleben, wie wenig Material dafür notwendig ist. Mit Capri-Sun Elektrolyte wurde zudem eine neue Produktlinie vorgestellt, deren Markteinführung kurz bevorsteht.
© Tobias Rücker
Sinneserlebnis und Arbeitsrealität
Ferrero nahm die Besucher mit auf eine Reise durch alle fünf Sinne. Beim sensorischen Parcours wurde erlebbar, wie eng Wahrnehmung und Genuss miteinander verbunden sind. Die Stationen zeigten, wie systematisch sensorische Entwicklung betrieben wird. Ein großes Verkosterpanel testet täglich Produkte in unterschiedlichen Entwicklungsstadien, um das Zusammenspiel aller Sinne gezielt zu steuern.
© Tobias Rücker
Grundsätzlicher wurde es beim Blick auf die Arbeitswelt. In einem Talk machten Ralf Hengels, Präsident der Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss e.V. (ANG), und Guido Zeitler, Vorsitzender der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), deutlich: Ohne Migration wäre die Ernährungsindustrie nicht funktionsfähig. Jeder zweite Beschäftigte in der Branche hat einen Migrationshintergrund. Die Diskussion verdeutlichte, dass Arbeitsmigration keine Randfrage ist, sondern eine zentrale Voraussetzung für Versorgungssicherheit.
Innovationsimpulse zum Abschluss
Am letzten Wochenende präsentierten acht Start-ups, wie viel Innovationskraft in der Branche steckt. In Zusammenarbeit mit Crowdfoods stellten sie ihre Visionen und Produkte vor: tunesische Harissa (Harissa & Co), Bio-Functional-Drinks aus Molkerei-Nebenprodukten (Gläserne Molkerei), pflanzliche Drinks auf Pistazienbasis (Pinù Foods), Mehrwegsysteme (WECARRY), Protein-Snacks aus afrikanischen Kulturpflanzen (Tsarona), Lebensmittel auf Pilzbasis (Fungi Feeds), Lachs aus landbasierter Aquakultur (LandLachs) sowie Matcha-Granola (Berlin Oats).
Fazit
Christoph Minhoff zieht eine positive Bilanz:
“Wir durften in diesem Jahr viele Politiker an unseren Stand begrüßen und über die zentrale Rolle informieren, die die Ernährungsindustrie für unser Land spielt. Als drittgrößter Industriezweig sichern wir die Versorgung von 84 Millionen Menschen in Deutschland und tragen zugleich zur Ernährung von Millionen weltweit bei – denn Food Made in Germany bleibt ein Exportschlager und steht für Qualität, Innovation und Vielfalt. Ich bin überzeugt, dass Politik und Wirtschaft den Standort Deutschland nur gemeinsam wieder stark machen können – wenn sie mehr miteinander reden und enger zusammenarbeiten, als es in der Vergangenheit der Fall war.”
Nach zehn intensiven Messetagen bleibt eine zentrale Erkenntnis: Zukunft schmeckt dann, wenn Unternehmen mutig vorangehen, Politik verlässliche Rahmenbedingungen schafft und beide Seiten den kontinuierlichen Dialog suchen. Die 100. Grüne Woche hat dafür ein deutliches Signal gesetzt.