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30.10.2018 | Reduktion

Offener Brief an die DANK-Allianz: Passend zu Halloween – Gruselstunde mit DANK-Sprecherin Barbara Bitzer

In einer Pressemitteilung macht die Sprecherin der DANK-Allianz Barbara Bitzer mit Halbwahrheiten und fragwürdigen Behauptungen Stimmung gegen die Grundsatzvereinbarung zwischen Wirtschaft und Politik für die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz. Dies wirft einige Fragen auf, die der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft BLL in einem offenen Brief veröffentlicht hat.


Sehr geehrte Frau Bitzer,

auch wenn morgen Halloween vor der Tür steht, ist das Thema Prävention und Bekämpfung Nichtübertragbarer Krankheiten zu wichtig, als dass man sich als Sprecherin eines Zusammenschlusses von 22 angeblich „medizinisch-wissenschaftlichen“ Fachgesellschaften, Verbänden und Forschungseinrichtungen der Rhetorik einer fiktiven Schauergeschichte bedient. Nichts anderes ist für uns Ihre Pressemitteilung vom 26. Oktober 2018 zur Reduktions- und Innovationsstrategie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) mit dem Titel: „Schonfrist für Industrie bedeutet Zehntausende vermeidbarer Fälle von Übergewicht und Folgeerkrankungen“, deren Tonalität wir als absolut unangemessen empfinden und die teilweise gruselige Aussagen enthält.

Sie schreiben beispielsweise: „Es kann nicht sein, dass die Industrie sieben Jahre Schonfrist bekommt, um ihre Produkte gesünder zu machen. Das bedeutet Zehntausende neuer Fälle von Übergewicht und dessen Folgeerkrankungen in Deutschland, die bei raschem Handeln womöglich zu verhindern wären“. Das ist eine ziemlich steile These auf der Basis von pauschalen, fragwürdigen Behauptungen. Wir bitten Sie deshalb, Ihre Aussage mit entsprechenden Nachweisen zu belegen.

  • Was genau meinen Sie mit Schonfrist? Wenn Sie die Grundsatzvereinbarung zwischen dem BMEL und der Lebensmittelwirtschaft gelesen hätten, dann wüssten Sie, dass es produkt- oder branchenbezogenen Zielvereinbarungen geben wird, die bis 2025 erreicht werden sollen. Mit der Umsetzung wird bereits 2019 begonnen. Wir befinden uns also bereits mitten im Prozess und gehen dabei sukzessive vor, um die Verbraucherinnen und Verbraucher mitzunehmen. Im Herbst 2019 wird es einen ersten Fortschrittsbericht geben. Auch das ist Teil der Vereinbarung.
  • Wir haben den Eindruck, Sie gehen davon aus, dass Übergewicht und dessen Folgeerkrankungen monokausal bedingt sind, sprich einzig auf den Verzehr bestimmter Lebensmittel zurückzuführen sind. Welche validen, empirischen Studien belegt diese Monokausalität?
  • Aus welchen Daten leiten Sie das vermeidbare Auftreten von „Zehntausenden“ neuen Fällen von Übergewicht und dessen Folgeerkrankungen ab?
  • Was meinen Sie mit „gesünder“? Was macht für Sie ein „gesundes“ Lebensmittel aus?

Weiter schreiben Sie: „Wir sind enttäuscht, dass Ernährungsministerin Julia Klöckner hier ihre eigenen Ziele, die zunächst durchaus ambitioniert wirkten, derart verwässert.“

Das ist interessant. Sie saßen mit am Runden Tisch, an welchem über die Rahmenvereinbarung gesprochen wurde. Dort haben weder die Deutsche Diabetes Gesellschaft noch die Deutsche Adipositas Gesellschaft ihrer angeblichen Enttäuschung Ausdruck verliehen.

  • Warum haben Sie am Runden Tisch in diesem Punkt geschwiegen?
  • Was genau bieten Sie als Deutsche Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten eigentlich als Ihren Beitrag im Kampf gegen Übergewicht an? Agieren Sie auch selbst oder können Sie nur Forderungen gegenüber Dritten aufstellen?

Im nächsten Satz erklären Sie dann: „Andere Länder haben gezeigt, dass die Unternehmen sehr viel schneller zu einer Änderung von Rezepturen in der Lage sind – aber nur, wenn sie durch verbindliche Regeln und wirtschaftliche Anreize dazu motiviert werden.“ Fakt ist, dass es je nach Unternehmensgröße und Produkt unterschiedliche Geschwindigkeiten bei der Reduktion gibt, da jedes Produkt anders ist – in seiner Zusammensetzung, seiner Beschaffenheit oder seinem Geschmack. Lebensmitteltechnologie funktioniert nicht nach Schema F.

  • Wir stellen uns deshalb die Frage, welchen Beleg Sie dafür haben, dass die Firmen in anderen Ländern sehr viel schneller sind? Schneller als was?

Weiter geht’s mit „Die Industrie kennt die Folgen ihrer ungesunden Produkte seit Jahren, hat aber kaum gehandelt“.

  • Wir sind gespannt auf Ihre Definition von „gesund“ und „ungesund“, für die Sie bestimmt gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse vorweisen können?
  • Was genau sind denn die Folgen dieser ungesunden Produkte und wie können Sie sicher sein, dass diese Folgen ausschließlich auf bestimmte Produkte zurückzuführen sind?
  • Wie definieren Sie „kaum gehandelt“? Bitte beziffern Sie diese Behauptung!

Sehr geehrte Frau Bitzer, auch wir sind enttäuscht. Und zwar von Ihnen. Bundesministerin Julia Klöckner hat mit der Einrichtung des Runden Tisches, an dem Wirtschaft und Fachgesellschaften mit Verbrauchervertretern zusammen sitzen, eine einmalige Chance zur Zusammenarbeit im Sinne einer gemeinsamen Verantwortung auf der Basis von Fakten geboten. An einer solchen Sacharbeit im Rahmen des Runden Tisches scheinen Sie aber nicht interessiert zu sein.

Während die Wirtschaft handelt und mit der Rahmenvereinbarung die Leitplanken für den weiteren Prozess festgelegt wurden, zeigen Sie mit dieser vor Halbwahrheiten und fragwürdigen Behauptungen strotzenden Pressemitteilung, dass Sie an Dialog und Aufklärung nicht interessiert sind, sondern nur an Schuldzuweisungen. Gesellschaften, Verbände und Forschungseinrichtungen, die für sich „medizinisch-wissenschaftliche“ Fachkompetenz in Anspruch nehmen, sollten auch auf dieser Basis handeln, sich unmittelbar am Runden Tisch einbringen und nicht als bloße Kampagnenorganisationen agitieren.

Wir möchten Sie und die DANK eindringlich auffordern unsere Fragen zu beantworten, denn ansonsten scheiden Sie als ernst zu nehmender, seriöser Gesprächspartner aus.


Mit freundlichen Grüßen
Christoph Minhoff
BLL-Hauptgeschäftsführer

Berlin, 30. Oktober 2018
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