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16.10.2015 | Unerwünschte Stoffe

Stellungnahme der Lebensmittelwirtschaft zum Umgang mit Befunden von Pyrrolizidinalkaloiden

Pyrrolizidinalkaloide sind natürliche Inhaltsstoffe von weltweit ca. 6000 verschiedenen Pflanzenspezies und werden als Schutz zur Abwehr von Fraßfeinden gebildet. Diese Pflanzen sind Teil unseres Ökosystems. Hierzu gehören z. B. die Vertreter der Familie der Boraginaceae wie Natternköpfe (Echium-Arten) und Borretsch sowie die Kreuzkräuter (Senecio-Arten). In Deutschland ist in letzter Zeit insbesondere das Jakobskreuzkraut bekannt geworden, das sich zunehmend auf Brachflächen und an Straßenrändern ausbreitet. Auch Grünland kann davon in Mitleidenschaft gezogen werden.

Die Lebensmittelwirtschaft ist sich ihrer Verantwortung für die Sicherheit der von ihr hergestellten Lebensmittel bewusst. Pyrrolizidinalkaloid-haltige Pflanzen werden nur sehr vereinzelt als Lebensmittel verwendet (z. B. Borretsch in Frankfurter Grüner Soße). In den allermeisten Fällen handelt es sich vielmehr um naturbedingte, trotzdem aber unerwünschte Einträge im Spurenbereich. Die betroffene Wirtschaft unternimmt große Anstrengungen, um diese Einträge in Lebensmittel zu minimieren. Natur und Produktion in Einklang zu bringen bei gleichzeitig höchstmöglichem gesundheitlichen Verbraucherschutz, stellt aber gerade bei den Pyrrolizidinalkaloiden eine große Herausforderung dar. Das Auftreten von Pyrrolizidinalkaloid-haltigen Pflanzen in der Umwelt und insbesondere in der Nähe zu Ackerflächen und Grünland erfordert eine Aufmerksamkeit weit über die Lebensmittelwirtschaft hinaus. Aufgrund der unterschiedlichen Eintragspfade müssen Maßnahmen zur Minimierung der Gehalte an Pyrrolizidinalkaloiden in den betroffenen Lebensmitteln branchenspezifisch entwickelt und umgesetzt werden. Zudem ist eine Minimierung der Gehalte nur bis zu einem gewissen Grad möglich.

In Ergänzung ihrer eigenen Aktivitäten appelliert die Lebensmittelwirtschaft daher an Politik und Behörden, folgende Eckpunkte im Umgang mit Pyrrolizidinalkaloiden zu berücksichtigen:

  1. Damit in der Öffentlichkeit und von Verbrauchern keine falschen Rückschlüsse gezogen werden, ist eine sachliche und faktenbasierte Kommunikation zu Pyrrolizidinalkaloiden notwendig.
  2. Die Datenlage zur Toxikologie der insgesamt ca. 600 verschiedenen Pyrrolizidinalkaloide ist zu verbessern. So sollte sich die Risikobewertung nicht auf vorhandene ältere Daten weniger sehr toxischer Vertreter stützen, sondern es sollten weitere Studien auch mit anderen Pyrrolizidinalkaloiden durchgeführt werden. Dies ist erforderlich, um das Risiko für die Verbraucher auf realistischer Basis statt mit Hilfe angenommener Worst-Case-Szenarien berechnen zu können. Hierdurch könnte die Problematik der Pyrrolizidinalkaloide eingegrenzt werden, und es ließe sich auch verhindern, dass Lebensmittel unnötigerweise vernichtet werden.
  3. Die Ziele des Natur- und Umweltschutzes müssen mit der Lebensmittelsicherheit und dem gesundheitlichen Verbraucherschutz in Einklang gebracht werden; hierbei sind der Schutz von Mensch und Tier höher einzustufen als der Naturschutzgedanke. In diesem Sinne sind gerade Bereiche wie Natur- und Umweltschutz, Gartenbau, Straßenbau u. ä. für die Problematik von Pyrrolizidinalkaloid-haltigen Pflanzen bei der Produktion von Lebensmitteln zu sensibilisieren, damit bestehende Eintragspfade reduziert werden können. Bei der Ausbreitung Pyrrolizidinalkaloid-haltiger Pflanzen auf Extensivierungsflächen, an Straßenrändern usw. sollte eine Bekämpfung in staatlicher Verantwortung erfolgen. Darüber hinaus muss eine ausreichende Verfügbarkeit selektiv wirkender Herbizide sichergestellt werden.
  4. Nulltoleranzen für Pyrrolizidinalkaloide in Lebensmitteln sind in der Praxis nicht realisierbar; daher ist auf diese Forderung zu verzichten. So können bereits ca. 10 Pyrrolizidinalkaloid-haltige Pflanzen in einem Erntefeld mit 60.000 Erntepflanzen zu messbaren Gehalten an Pyrrolizidinalkaloiden im Erntegut führen. Insekten wie Bienen lassen sich nicht vorschreiben, welche Pflanze sie anfliegen. Außerdem bilden Pyrrolizidinalkaloid-haltige Pflanzen flugfähige Samen, die sich ebenfalls beliebig verbreiten.
  5. Damit die Analysenergebnisse von Überwachung und Wirtschaft auf nationaler und europäischer Ebene robust und vergleichbar werden, müssen das Analysenspektrum (Anzahl und Art zu bestimmender Pyrrolizidinalkaloide) verbindlich festgelegt und die Analysenmethoden matrixbezogen in Ringversuchen validiert, harmonisiert und standardisiert werden.
  6. Zu Informations- und Schulungszwecken sowie als Maßnahme zur Risikominimierung müssen zentrale Datenbanken für Pyrrolizidinalkaloid-haltige Pflanzen und Pyrrolizidinalkaloide aufgebaut werden, die regelmäßig aktualisiert werden.
  7. Die Identifizierung und Einleitung von Minimierungsmaßnahmen ist im Falle der Pyrrolizidinalkaloide komplex und kann nur stufenweise, das heißt, von Ernte zu Ernte, erfolgen. Dies bedeutet, dass eine Minimierung der Pyrrolizidinalkaloid-Gehalte in einem Lebensmittel trotz aller Anstrengungen immer einige Zeit in Anspruch nehmen wird.
  8. Befunde von Pyrrolizidinalkaloiden in Lebensmitteln sind aus verschiedenen Ländern der Welt bekannt. Angesichts des internationalen Handels sollte die Kooperation mit Behörden und Beratungsorganisationen dieser Länder gesucht werden. Im Sinne des gesundheitlichen Verbraucherschutzes ist zumindest für den Bereich der EU ein einheitliches Vorgehen anzustreben.
Berlin, im Oktober 2015

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