17.07.2018 | Sicherheit

Lebensmittelverpackung aus Recyclingpapier: Wie groß ist das Gefährdungspotenzial durch Mineralöl wirklich?

Aktuelle Studien relativieren Belastung durch Mineralöle
Mineralöl-Gehalte in Lebensmitteln sind unerwünscht und soweit technisch machbar zu minimieren. Doch wie groß – oder klein – ist das Gefährdungspotenzial tatsächlich? Eine holländische Studie kommt zu positiven Ergebnissen.

Das niederländische National Institute for Public Health and the Environment (RIVM) hat als zuständige Gesundheitsbehörde eine Übersichtsstudie zur Situation der Belastung der Verbraucher mit Mineralölkohlenwasserstoffen (MOH) veröffentlicht (1). In der Studie wurden die bekannten Gehalte von Mineralölkohlenwasserstoffen, die aufgrund verschiedener komplexer Eintragspfade möglich sind, mit Expositionsabschätzungen verbunden und relativiert.

Hintergrund war, dass Foodwatch 2015 in einer Veröffentlichung behauptete, kartonverpackte Nudeln, Frühstückscerealien, Schokoladenstreusel und Reis aus holländischen Märkten würden kritische Konzentrationen an Mineralölkohlenwasserstoffen enthalten.

Keine signifikante Mineralölbelastung durch Verpackungen aus Recyclingpapier


Nun zeigt das Ergebnis des RIVM deutlich: Recyclingpapierhaltige Lebensmittelverpackungen leisten keinen nennenswerten Beitrag zur Gesamtaufnahme von Mineralölen aus Lebensmitteln.

Auch die zuständigen Behörden in Australien und Neuseeland sind zu der Einschätzung gelangt, dass von den sehr niedrigen MOH-Gehalten in Verpackungen keine Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung ausgehen.

Ansatz einer deutschen Mineralölverordnung nicht zielführend


In Deutschland gibt es bislang keine vergleichbaren Studien. Vielmehr wird im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft nach wie vor an dem Konzept einer Mineralölverordnung festgehalten, das ausschließlich auf den Eintragspfad durch belastetes Recyclingpapier fokussiert – dabei lautet beispielsweise die Schlussfolgerung des RIVM, dass von Maßnahmen, die auf eine reduzierte Exposition durch papierbasierte Verpackungen abzielten, lediglich ein sehr begrenzter Effekt zu erwarten ist.

Tatsächliches Gefährdungspotenzial muss untersucht werden


Da entsprechende landesspezifische Daten prinzipiell auch für Deutschland zur Verfügung stehen, fordert der BLL, dass zeitnah das tatsächlich vorhandene Gefährdungspotenzial auf solider wissenschaftlicher Basis festgestellt wird, um darauf gestützt angemessene Vermeidungsszenarien zu entwickeln.

BLL-Toolbox zur Minimierung erfolgreich etabliert


Der Eintrag unerwünschter MOH muss auf allen Stufen der Wertschöpfungsketten minimiert werden. Deshalb hat die Lebensmittelwirtschaft in Form der „BLL-Toolbox“ die verfügbaren Informationen zu Minimierungsmaßnahmen für alle zugänglich zusammengefasst. Während anerkannte Studien davon ausgehen, dass von einer Aufnahme sogenannter gesättigter Mineralölbestandteile (MOSH) aus Lebensmitteln im anzunehmenden Umfang keine Gesundheitsgefahr ausgeht, hängt die toxikologische Bewertung der sogenannten aromatischen Mineralölbestandteile (MOAH) in erster Linie von deren Herkunft ab. Bei MOAHs besteht die vorrangige Aufgabe deshalb darin, die als kritisch erkannten Quellen soweit wie möglich auszuschließen. Die BLL-Toolbox leistet hier einen wertvollen Beitrag.


Einzelnachweise
B.M. van de Ven et al.: “Mineral oils in food; a review of toxicological data and an assessment of the dietary exposure”. In: RIVM Letter report 2017-0182. The Netherlands National Institute of Public Health and the Environment, Ministry of Health, Welfare and Sport
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