17.04.2020 | Branche

„Diese Krise wird nicht spurlos an uns vorbeiziehen“

Präsident des Lebensmittelverbands zur Coronakrise
Philipp Hengstenberg, Präsident des Lebensmittelverbands Deutschland, sieht die COVID-19-Pandemie als Brandbeschleuniger für weitere bestehende Herausforderungen. Vergrößern
Die COVID-19-Pandemie verändert unsere Gesellschaft, aber auch wie wir über Lebensmittel und deren Herstellung denken. Ein Kommentar von Philipp Hengstenberg, Präsident des Lebensmittelverbands Deutschland.

Die Ausbreitung des Coronavirus verlangt unserer Gesellschaft viel ab – mehr, als sich viele von uns jemals hätten vorstellen können. Social Distancing wird zum Liebesbeweis und der Supermarkt ist der einzige Ort, um auf andere Menschen außerhalb des eigenen Haushalts zu treffen. Und dieses Einkaufserlebnis wurde in den letzten Wochen stufenweise verändert und verschärft. Anfangs philosophierte man nur über das Phänomen der Hamsterkäufe, dann fing es an mit den Sicherheitsvorkehrungen für den Gesundheitsschutz: Markierungen auf dem Boden, damit der Mindestabstand von 1,5 Metern in der Warteschlange eingehalten wird, Plexiglasscheiben für die Kassierer:innen, Desinfektionsmittel am Eingang für die Hände und für die Griffe der Einkaufswagen, Zulassungsbeschränkungen für die Anzahl der Kunden, Mundschutzpflicht. Aber bis auf ganz wenige Ausnahmen und Zwischenfälle haben sich alle immer recht schnell an neue Vorgaben gewöhnt, denn unsere Gesellschaft hat erkannt, dass wir uns und andere schützen müssen, dass sich alle an die Regeln halten müssen, damit wir gemeinsam diese Krise meistern können.

Und unsere Gesellschaft hat erkannt, dass sie sich auch auf die Lebensmittelbranche verlassen kann und die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt ist. Die gesamte Lebensmittelwertschöpfungskette von der Landwirtschaft über die Ernährungsindustrie, Handwerk und Handel, inklusive aller Zulieferbereiche, arbeitet unter Hochdruck, um Rohstoffe zu liefern, zu verarbeiten und in die Regale zu bringen. 5,7 Millionen Menschen sind das allein in Deutschland, die sich zurzeit in höchst unterschiedlichen Situationen befinden. Entweder müssen sie in Kurzarbeit gehen oder ganz zu Hause bleiben, weil sie dem Gastgewerbe angehören und nicht wissen, wie lange sie ihren Job behalten können. Oder genau das Gegenteil ist der Fall, sie schieben Extra-Schichten und arbeiten an der Belastungsgrenze, um der erhöhten Lebensmittelnachfrage gerecht zu werden. Und damit das funktioniert, sind viele Anstrengungen und ein Umdenken nötig.

COVID-19-Pandemie: Herausforderung und Brandbeschleuniger


Bis vor ein paar Wochen waren die größten Herausforderungen für die Wirtschaft das Fortschreiten der Globalisierung, der Umgang mit der Digitalisierung und natürlich die Auswirkungen des Klimawandels. Jetzt heißt die größte Herausforderung „COVID-19-Pandemie“. Und diese ist eine Art Brandbeschleuniger für alles andere. Die Lebensmittelwirtschaft hat nicht nur innerhalb kürzester Zeit logistische Aufgaben zu bewältigen, indem sie beispielsweise Großverpackungen, die normalerweise für die Gemeinschaftsverpflegung wie Mensen, Kantinen und Gastgewerbe bestimmt sind, in kleine Verpackungen für den Privathaushalt umwandelt, um der Nachfrageverschiebung gerecht zu werden. Plötzlich wird uns auch bewusst, dass es viele Schlüsselpositionen gibt, die nicht durch Maschinen ersetzt werden können. Auf denen Menschen arbeiten, die dafür sorgen, dass der „Laden läuft“. Und diese Menschen haben viel zu selten die Wertschätzung bekommen, die sie verdienen, denn ohne sie geht es nicht: ohne die Erntehelfer, die LKW-Fahrer, die Produktionsmitarbeiter und diejenigen, die Regale einräumen und Kassieren. Gleichzeitig führt uns die Pandemie vor Augen, dass wir nicht nur europaweit, sondern weltweit auf einander angewiesen sind.

Ja, Deutschland hat einen hohen Selbstversorgungsgrad bei bestimmten Grundnahrungsmitteln wie Getreide, Milch oder Fleisch. Aber schon bei Obst und Gemüse sieht es anders aus. Hier sind wir nicht nur bei exotischen Sorten von Importen abhängig. Rohstoffe und Zutaten für zusammengesetzte Produkte kommen aus den unterschiedlichsten Ländern. Unsere Lebensmittelvielfalt ist ein Ausdruck der Globalisierung und endet nicht an Ländergrenzen. Deshalb ist es unabdingbar, dass trotz der geschlossenen Grenzen der Lieferverkehr passieren darf. Sonst sähe das Angebot im Supermarkt mittlerweile anders aus.

Diese Krise wird nicht spurlos an der Welt vorüberziehen. Sie wird und sie muss Auswirkungen haben, auch wir als Lebensmittelwirtschaft werden vieles neu bewerten müssen.

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