18.02.2022 | Verbraucher

Essen retten – brauchen wir dafür ein Gesetz?

Infografiken erklären Fakten zur Lebensmittelverschwendung
12 Millionen Tonnen Lebensmittel landen jährlich im Müll. Die „Letzte Generation“ fordert daher mit Straßenblockaden ein „Essen-retten-Gesetz“. Doch wie sinnvoll wäre ein solches Gesetz? Wir haben aufgeschlüsselt, warum 12 Millionen nicht gleich 12 Millionen sind, wo die Abfälle und Verluste tatsächlich anfallen und an welchen Stellschrauben besser gedreht werden sollte.

Sie blockieren Autobahnauffahrten in Berlin, schütten Mist ins Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und drohen damit, den Flug- und Hafenverkehr lahm zu legen. Die Aktivistinnen und Aktivisten der „Letzten Generation“ wollen sich und ihren Forderungen medienwirksam Gehör verschaffen. Dazu gehört, dass sie Lebensmittelverschwendung reduzieren wollen, um so das Klima zu schützen. Ihre Forderung ist ein sogenanntes „Essen-retten-Gesetz“, das den Lebensmittelhandel dazu verpflichten soll, Lebensmittel zu spenden.

12 Millionen sind vermeidbare UND unvermeidbare Lebensmittelabfälle und -verluste


Wie viel Lebensmittel damit tatsächlich gerettet werden würden, lässt ein Blick auf die Zahlen erahnen. Laut Johann Heinrich von Thünen-Institut, das 2019 im Auftrag des BMEL zusammen mit der Universität Stuttgart die Studie „Lebensmittelabfälle in Deutschland“ für das Jahr 2015 veröffentlicht hat, fallen folgende Abfälle und Verluste entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette an:



Hinzukommt, dass das Thünen-Institut bei diesen Zahlen vermeidbare und unvermeidbare Lebensmittelabfälle zusammen betrachtet hat. Reduzieren kann man aber nur die vermeidbaren Lebensmittelabfälle. Denn Knochen, Gräten oder Wurstenden kann man nun mal nicht verzehren. Im Schnitt sind beispielsweise auf der Stufe der Verarbeitung von den 18 Prozent wiederum nur die Hälfte tatsächlich vermeidbare Verluste laut Thünen-Institut.



Rückstellproben, Fehlproduktion und -planung – das sind Gründe für Abfälle und Verluste








Verschwendung vermeiden – Ressourcen schützen


Die Wirtschaft arbeitet ständig daran, dass der Ressourceneinsatz beim Anbau, der Produktion, Veredlung und Vermarktung von Lebensmitteln besonders effizient und nachhaltig ist. Denn zum einen stehen uns im Zeichen des Klimawandels Rohstoffe langfristig nur begrenzt zur Verfügung und zum anderen möchte auch aus wirtschaftlicher Sicht kein Betrieb unnötig wertvolle Rohstoffe, Arbeitskraft und Arbeitszeit verschwenden.

Was tut die Lebensmittelwirtschaft?


Das Vorgehen zur Reduzierung vermeidbarer Lebensmittelabfälle kann in zwei Stufen gesehen werden. Zuerst versucht man, dass solche Verluste und Abfälle gar nicht erst entstehen. Und wo das nicht geht, werden diese dann zumindest abgegeben, damit sie nicht im Müll landen, zum Beispiel je nachdem an welchem Punkt der Wertschöpfungskette man sich befindet als Tiernahrung oder als Spende an eine der 950 Tafeln in ganz Deutschland, die damit wiederum über 1,6 Millionen Bedürftige versorgen.

Ein Beispiel für eine Zweitnutzung auf der Stufe der Lebensmittelproduktion, ein sogenanntes „Rework“ findet sich bei einem großen Produzenten von Schoko-Waffel-Riegeln: Die Riegel laufen auf einem Band in Richtung Verpackungsmaschine. Wenn einer durchrutscht und dadurch nicht in Folie verschweißt wird, landet er in einem speziellen Behälter. Anschließend werden die aufgefangenen Riegel gemahlen und als Teil der Füllung zwischen die Waffeln der neuen Produktion gegossen. So entstehen an dieser Stelle der Produktion keine Verluste mehr.

„Auf Null“ kann man vermeidbare Lebensmittelabfälle übrigens nie setzen, denn Sicherheit und Qualität gehen immer vor. Das heißt es wird immer auch Warenrückrufe zum Schutz der Gesundheit der Verbraucher:innen geben, möglicherweise auch von Lebensmitteln, die gesundheitlich unbedenklich sind, aber aufgrund strenger Höchstwerte, Sicherheitsstandards und zuweilen auch durch öffentlichen Druck zurückgerufen und damit vernichtet werden.




Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland


Ein „Essen-retten-Gesetz“ wäre in Deutschland übrigens aufgrund der dezentralen Struktur der Tafeln (anders als beispielsweise bei den zentralen Lebensmittelbanken in Frankreich) schwer umsetzbar und aufwendig in der Organisation für die regionalen Tafeln. In Deutschland organisieren die lokalen Tafeln nämlich selbst die Lebensmittelrettung. Sie arbeiten direkt mit den Lebensmittelhändlern vor Ort zusammen. Das Konzept in Frankreich ist das einer Lebensmittelbank. Die Fédération Francaise des Banques Alimentaires unterhält große Lagerflächen und nimmt hauptsächlich Großspenden von Herstellern und Produzenten an. Helfer:innen kommissionieren die Lebensmittel und andere Einrichtungen wie Kirchengemeinden verteilen die Spenden über soziale Einrichtungen an Bedürftige. Mit dem Gesetz von 2016 sollte insbesondere der Handel zu Spenden animiert und diese Lücke geschlossen werden, was hier in Deutschland bereits sehr gut auf freiwilliger Basis funktioniert.

Nächste Schritte – Zielkonflikte gemeinsam mit Politik lösen


Die einzelnen Branchen der Lebensmittelwirtschaft arbeiten in sektorspezifischen Dialogrunden der Nationalen Strategie zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung gemeinsam mit weiteren Stakeholder:innen an weiteren geeignete Lösungsansätzen. Aber auch die Bundesregierung hat eine wichtige Aufgabe. So ist es notwendig, dass die betroffenen Ministerien prüfen, welche Auswirkungen neue oder bestehende Gesetze auf das Entstehen von zusätzlichen Lebensmittelabfällen beziehungsweise Lebensmittelverlusten haben könnten, zum Beispiel die Vermeidung von Verpackungsmüll auf der einen Seite und Lebensmittelsicherheit und Haltbarkeit auf der anderen Seite. Wenn wir den Verpackungsanteil reduzieren, könnte der Anteil der weggeworfenen Lebensmittel steigen, weil die Haltbarkeit verkürzt wird. Diese Zielkonflikte sind politisch durch die Priorisierung von Nachhaltigkeitszielen zu lösen. Außerdem ist die Aufklärungsarbeit gegenüber den Verbraucherinnen und Verbrauchern von essentieller Bedeutung. Denn nach wie vor werfen Privathaushalte zu viel Essen weg. Durch bewusstes Einkaufen, richtiges Lagern und den richtigen Umgang mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum könnte dem Vorschub geleistet werden.



Containern ist keine Lösung


Auch Containern wird zuweilen betrieben, um Essen zu retten. Doch hier sollten die Mülltaucher:innen extrem vorsichtig sein. In Müllbehältern befinden sich eben gerade gesundheitsgefährdende, ungenießbare, allerdings nicht immer als solche zu erkennende Lebensmittel. Insofern wäre eine rechtliche Freigabe des Containerns im Hinblick auf die Lebensmittelsicherheit problematisch. Ferner drohen Unternehmen zumindest mit Blick auf vorverpackte, etikettierte Ware, die den Hersteller oder Händler erkennen lassen, im Falle von Erkrankungen von Verbraucher:innen nach dem Verzehr von Lebensmitteln aus Containern gerichtliche Auseinandersetzungen über Haftungsfragen.

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