„Die Abnehmspritze ist kein Lifestyle-Produkt“
Überall hört man von der Abnehmspritze. Wie funktioniert sie eigentlich?
Eigentlich handelt es sich dabei um ein Hormon, das der Körper selbst produziert. Dieses Hormon wird normalerweise nach einer Mahlzeit ausgeschüttet und sorgt dafür, dass wir uns satt fühlen. Die Medikamente, über die derzeit so viel gesprochen wird, ahmen genau diesen Mechanismus nach – allerdings in einer Form, die deutlich länger wirkt. Während das natürliche Hormon nur kurze Zeit aktiv ist, wurde das Medikament pharmakologisch so verändert, dass es wesentlich langsamer abgebaut wird. Deshalb reicht oft eine Injektion pro Woche aus. Für die Patienten bedeutet das vor allem eines: ein dauerhaftes Sättigungsgefühl. Viele beschreiben es so, als hätten sie gerade erst eine größere Mahlzeit gegessen. Dadurch verschwindet der ständige Hunger, und man isst automatisch weniger.
Es gibt verschiedene Präparate auf dem Markt. Sind das eigentlich immer dieselben Wirkstoffe?
Nicht ganz. Die meisten Menschen kennen den Begriff GLP-1. Das ist eines der Hormone, die hier genutzt werden. Es gibt aber auch ein weiteres Hormon namens GIP. Einige Medikamente arbeiten ausschließlich mit GLP-1, andere kombinieren beide Wirkmechanismen. Diese Kombination gilt als etwas stärker wirksam. Am Ende geht es aber immer darum, die natürlichen Sättigungsmechanismen des Körpers gezielt zu verstärken.
Für wen sind diese Medikamente gedacht – und für wen eher nicht?
Ganz klar: nicht für Menschen, die kurzfristig ein paar Kilo verlieren wollen. Diese Medikamente sind keine Hilfe für die „Bikinifigur vor dem Urlaub“ und auch kein Lifestyle-Produkt. Sie wurden entwickelt, um die chronische Erkrankung Adipositas zu behandeln. Adipositas ist mit zahlreichen gesundheitlichen Risiken verbunden – etwa Diabetes, Bluthochdruck, Schlafapnoe oder Gelenkproblemen. Genau dafür sind diese Medikamente gedacht. Deshalb sollten sie auch ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht eingesetzt werden. Wichtig ist außerdem: Die Medikamente wirken nur, solange man sie nimmt. Wird die Behandlung beendet, kehren Hunger und Gewicht in der Regel zurück. Viele Menschen hoffen auf einen kurzfristigen „Booster“, aber dafür sind diese Medikamente nicht geeignet. Adipositas ist eine chronische Erkrankung und diese benötigen meist eine langfristige Behandlung.
Über Nebenwirkungen wird viel diskutiert. Was erleben Patienten tatsächlich?
Vieles, was als Nebenwirkung beschrieben wird, ist eigentlich die direkte Wirkung des Medikaments. Die Mittel erzeugen ein starkes Völlegefühl und verlangsamen die Magenentleerung. Gerade am Anfang kann das sehr intensiv sein und zu Übelkeit oder sogar Erbrechen führen. Die Verträglichkeit ist individuell unterschiedlich. Manche Menschen haben kaum Beschwerden, andere reagieren schon auf kleine Dosierungen empfindlich. Hinzu kommen mögliche Verdauungsprobleme wie Durchfall oder Verstopfung. Es gibt auch seltenere Komplikationen wie Gallensteine oder Bauchspeicheldrüsenentzündungen. Darüber müssen Patienten aufgeklärt werden. Gleichzeitig muss man unterscheiden zwischen echten Medikamenteneffekten und den allgemeinen Folgen starken Gewichtsverlusts. Wenn Menschen viel Gewicht verlieren – unabhängig davon, ob durch Diät, Sport oder Operation –, können etwa trockene Haut, Haarverlust oder überschüssige Haut auftreten. Das liegt nicht am Medikament selbst, sondern am schnellen Abnehmen.
Verändert sich durch die Medikamente auch das Verhältnis zum Essen?
Das berichten tatsächlich sehr viele Patienten. Interessanterweise empfinden viele Essen nicht als Verlust, sondern eher als Befreiung. Sie genießen bewusster, essen langsamer und haben zum ersten Mal das Gefühl, Kontrolle über ihr Essverhalten zu haben. Viele beschreiben, dass dieses ständige Kreisen der Gedanken ums Essen plötzlich verschwindet. In der Fachsprache spricht man inzwischen oft von „Food Noise“ – also dem permanenten inneren Hintergrundrauschen rund ums Essen. Patienten sagen häufig: „Es fühlt sich an, als hätte jemand diesen Sender im Kopf ausgeschaltet.“ Das bedeutet nicht, dass Menschen plötzlich keine Freude mehr am Essen haben. Im Gegenteil: Viele konzentrieren sich stärker auf Geschmack und Qualität statt auf große Mengen.
Es gibt Hinweise darauf, dass sich sogar das Einkaufsverhalten verändert. Beobachten Sie das auch?
Ja. Studien zeigen, dass Menschen mit GLP-1-Medikamenten tatsächlich weniger einkaufen und oft bewusster auswählen – etwa Lebensmittel mit höherem Eiweißgehalt oder weniger stark verarbeitete Produkte. Noch ist das gesellschaftlich eher ein Nischeneffekt, weil die Medikamente teuer sind und meist selbst bezahlt werden müssen. Aber das könnte sich ändern. In Ländern wie Indien gibt es inzwischen bereits deutlich günstigere Generika. Wenn solche Medikamente langfristig breiter verfügbar werden, wird das auch Auswirkungen auf den Lebensmittelmarkt haben.
Die Lebensmittelindustrie wird sich darauf einstellen. Sie hat sich in der Vergangenheit immer an neue Ernährungstrends angepasst, ob proteinreich, fettarm oder zuckerreduziert. Ähnliche Entwicklungen sehen wir jetzt bereits bei Produkten speziell für Menschen, die GLP-1-Medikamente nutzen.
Viele Menschen fragen sich: Warum nimmt man nach dem Absetzen oft wieder zu?
Weil das Medikament zwar die biologischen Mechanismen beeinflusst – aber nur solange es eingenommen wird. Die genetische Veranlagung und die Umweltbedingungen bleiben bestehen. Adipositas hat eine starke biologische Komponente. Manche Menschen nehmen unter denselben Bedingungen schneller zu als andere. Gleichzeitig leben wir in einer Umgebung, die Übergewicht begünstigt: Stress, Schlafmangel, ständige Verfügbarkeit von Lebensmitteln. Das Medikament hilft, diese biologischen Prozesse zu kontrollieren. Aber wenn man es absetzt, kehren die ursprünglichen Mechanismen zurück. Deshalb ist die Vorstellung falsch, man könne das Medikament kurzzeitig nehmen und danach dauerhaft „geheilt“ sein.
In sozialen Medien werden die Spritzen häufig als Lifestyle-Produkt dargestellt. Wie bewerten Sie das?
Das halte ich für problematisch. Diese Medikamente sind starke verschreibungspflichtige Arzneimittel und keine Mittel für den schnellen Gewichtsverlust aus ästhetischen Gründen. Besonders kritisch sehe ich illegale Angebote im Internet oder gefälschte Produkte auf dem Schwarzmarkt. Teilweise weiß man gar nicht, was tatsächlich in diesen Spritzen enthalten ist. Deshalb kann man nur dringend davor warnen, solche Medikamente ohne ärztliche Betreuung einzunehmen.
Die komplette Folge zur Abnehmspritze von Ernährungsplus – Der Foodcast gibt es auf allen gängigen Podcastplattformen, u. a. auf Spotify.