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21.05.2013 | Zucker

Brief an die HÖRZU-Redaktion

Ihr Artikel in der HÖRZU vom 19. April 2013



Sehr geehrte Frau Schirmann,

mit Interesse haben wir Ihren Artikel „Die Zuckermafia“ in der HÖRZU vom 19. April 2013 gelesen. Gleichzeitig möchten wir unsere Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, dass in dem Artikel pauschale Aussagen aus dem Buch von Hans-Ulrich Grimm „Garantiert gesundheitsgefährdend“ übernommen wurden, ohne diese redaktionell kritisch zu hinterfragen. Bitte erlauben Sie uns deshalb, zu Ihrem Artikel und in diesem Zusammenhang zugleich zu einigen grundlegenden Aspekten des Buches von Herrn Grimm Stellung zu nehmen.

Die Lebensmittelwirtschaft sieht sich heute vermehrt Berichterstattungen gegenüber, in denen Diskussionen um Lebensmittel in erster Linie auf emotionaler und nicht auf sachlicher und wissenschaftlicher Ebene geführt werden. Themen werden vielfach aufgebauscht, gesundheitliche Risiken übertrieben und Ängste bei Verbrauchern geschürt. Dies zeigt sich geradezu exemplarisch an dem aktuell erschienen Buch von Hans-Ulrich Grimm „Garantiert gesundheitsgefährdend“. Dort konstruiert der Autor eine nicht haltbare Theorie vom Zucker als Kernursache mannigfaltiger Krankheiten wie Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Alzheimer und Krebs.

Wir möchten an dieser Stelle eindrücklich klarstellen, dass es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür gibt, dass der Konsum von Zucker oder zuckerhaltiger Lebensmittel für die Entstehung von Übergewicht oder anderer Erkrankungen verantwortlich gemacht werden kann, die in dem Buch von Hans-Ulrich Grimm aufgezählt werden. Vielmehr liegt all diesen Krankheiten ein komplexes Ursachengeflecht zugrunde, das trotz umfangreicher Forschung bis heute vielfach nur in Ansätzen verstanden wird. Eine Reduzierung auf eine alleinige angebliche Ursache – wie dies Hans-Ulrich Grimm tut – ist wissenschaftlich weder haltbar noch im Sinne einer faktenbasierten Verbraucheraufklärung zielführend. Besonders kritisch sind in diesem Zusammenhang Aussagen in dem Buch von Herrn Grimm zu sehen, wie z. B. „Bis jetzt hält sie den Krebs in Schach, indem sie ihm seine Lieblingsspeise vorenthält, den Zucker“.

Eine seriöse und ernsthafte Berichterstattung zeichnet sich dadurch aus, dass Aussagen (vor allen Dingen wissenschaftliche Behauptungen und Zahlenanga-ben) nachprüfbar und belegt sind. Hans-Ulrich Grimm beweist in seinem Buch jedoch nicht, sondern unterstellt. So findet sich eine Reihe von Aussagen und Behauptungen, die oberflächlich erläutert und mit dem einen oder anderen Wissenschaftler in Verbindung gebracht werden. Es gibt aber (bis auf sehr wenige Ausnahmen) keine konkreten Hinweise auf wissenschaftliche Quellen, die die Thesen belegen könnten. In der Literaturliste des Buches werden dann zwar ganz pauschal einzelne Studien angeführt, jedoch ist nicht ersichtlich, wann sich Herr Grimm in seinem Buch auf welche Quelle bezieht. In diesem Sinne hätte z. B. die von Ihnen aus dem Buch zitierte Aussage, dass die Deutschen angeblich 83 Prozent des täglich verzehrten Zuckers als zugesetzten, häufig auch versteckten Zucker aufnehmen, kritisch hinterfragt werden müssen. Aufgrund der fehlenden Quellenangabe ist nämlich keineswegs ersichtlich, wie diese Zahl zustande gekommen ist.

Dies sind nur einige Beispiele dafür, warum wir mit Nachdruck darauf hinweisen, wie wenig sachgerecht es ist, die einseitigen Thesen von Hans-Ulrich Grimm ungefiltert und ohne Absicherung zu übernehmen. Wir hätten uns sehr gewünscht, dass Sie die von Ihnen damit mittelbar übernommenen Behauptungen von Hans-Ulrich Grimm vor der Veröffentlichung recherchiert und uns oder über die Produkte unmittelbar angesprochenen Unternehmen bzw. Branchenverbände auch bereits vorab dazu um eine Stellungnahme gebeten hätten, anstatt auf der Basis einer solch einseitigen Darstellung pauschal über eine ganze Branche zu urteilen.

Bei allem Verständnis für die Suche nach publikumswirksamen Geschichten wehren wir uns gegen die unsachliche und wissenschaftlich nicht haltbare Darstellung, dass die Lebensmittelwirtschaft mit der traditionell verwendeten Lebensmittelzutat Zucker einen Inhaltsstoff in ihren Produkten verwenden würde, der die Gesundheit der Menschen gefährdet.

Wir würden es begrüßen, wenn ein so reichweitenstarkes Medium wie die Hörzu weniger die Ängste der Menschen und Stigmatisierung von Lebensmittelherstellern schüren würde und stattdessen gemeinsam mit entscheidenden Akteuren tragfähige Ansätze suchen würde, wie den Leserinnen und Lesern informativ ein gesunder Lebensstil mit einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Bewegung und Entspannung vermittelt werden kann.

Die Lebensgewohnheiten der Menschen können vor allem durch sachliche Aufklärung und Bildung sowie die Diskussion auf fundierter wissenschaftlicher Basis verbessert werden – nicht jedoch durch unsachliche Skandalisierungen und Übertreibungen, die als Ergebnis nur zu einer Verunsicherung des Verbrauchers führen müssen.

Weitere Informationen zum Thema Zucker können Sie im Übrigen unserem Fragen- und Antworten-Katalog zu Zucker entnehmen. Dieser beantwortet – unter Angabe von wissenschaftlichen Nachweisen – wichtige Fragen rund um das Thema Zucker. Sie finden das Dokument auf unserer Internetseite unter http://www.bll.de/themen/zucker/ zum Download.

Gerne sind wir zu einem Dialog bereit und können uns hierzu in einem persönlichen Gespräch austauschen.

Mit freundlichen Grüßen

Christoph Minhoff
Hauptgeschäftsführer

Dr. Angela Kohl
Wissenschaftliche Leitung


Der Originalbrief finden Sie hier als PDF:
Redaktionsbrief HÖRZU (16. Mai 2013)
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